Roofer – Jutta Wilke

Irgendwann wird jemand den Halt verlieren. Wieviel ist Dir die Anerkennung und die schwindelerregende Freiheit wert, wenn Du doch mit nur einem einzigen Schritt alles verlieren kannst?

Ich hätte es verhindern müssen. Ich hätte irgendetwas tun müssen, um es zu stoppen. Man muss doch etwas tun. Man konnte doch nicht einfach nur zusehen. Aber genau das habt ihr getan, flüstert die Stimme in mir. Ihr habt zugesehen. Alle. Immer wieder.” (aus “Roofer” von Jutta Wilke, Seite 10/11)

Ich bin ein Mensch, der generell eher lieber am Boden bleibt, eine latente Höhenangst begleitet mich bei jedem Aussichtsturm. Die Protagonisten in Jutta Wilkes Roofer hingegen lieben die Höhe, in der sie sich unendlich frei fühlen – eine Freiheit, die sich allerdings in Sekunden in einen tiefen Fall verwandeln kann. Als Alice durch ihre beste Freundin Nasti die “Roofer” kennenlernt, kommt sie in Berühung mit dieser ihr noch fremden Welt, die sich hoch über ihr auf Dächern, Baukränen und Gerüsten abspielt. Doch der Kick, den die Clique aus diesen Abenteuern zieht, überträgt sich nicht auf Alice. Im Gegenteil, ihre Sorge um ihre Freunde wächst ständig und sie versucht verzweifelt, diese zur Vernunft zu bringen. Auch will sie sich nicht damit abfinden, ihre beste Freundin nach und nach an einen der waghalsigsten Roofer zu verlieren – Trasher, in den Nasti wahnsinnig verliebt ist. Aber da ist auch noch Nik, der auf der Straße lebt und dem Alice langsam näherkommt.

Wilke schafft es, die halsbrecherischen Mutproben über den Dächern äußerst authentisch zu schildern, die Dramatik mancher Situationen ist mit Händen greifbar. Genauso greifbar bleibt aber auch die Gefahr, die Wilke niemals verklärt oder romantisiert, ein Aspekt, der gerade im Jugendbuch für mich eine wichtige Rolle spielt. Im Gegenteil, sie zeigt eindrucksvoll, zu welchen Taten Gruppenzwang, angebliche Liebesbeweise und gegenseitiges Übertrumpfen wollen führen können. Und ihren jugendlichen Lesern stellt sie mehr als einmal unausgesprochen die Frage – was würdest Du tun? Und welcher Schritt ist ein Schritt zuviel in die falsche Richtung?

Ein dramatischer Jugendroman über den Dächern Frankurt am Mains ab 14 Jahren.

 

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Von Büchern und Empfehlungen

Eine der Kernkompetenzen und gleichzeitig auch eine der Königsdisziplinen des Buchhändler/innen-Lebens ist die Empfehlung. Tagtäglich kommen Kunden zu uns, die auf der Suche sind. Nach einem Buch für die Großmutter, einem Roman für den Urlaub, einem Abschiedsgeschenk für die Kollegin. Die Anlässe, an denen Bücher geschenkt werden, sind erfreulicherweise sehr vielfältig und natürlich suchen viele nach neuem Lesestoff für sich selbst.

Der ein oder andere hätte vermutlich schon im Supermarkt gerne eine Empfehlung, welche der 20 Sorten Erdbeermarmelade denn die leckerste ist. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass bei der riesigen Menge an Neuerscheinungen ein wenig Orientierungshilfe gefragt ist. Jeder Buchladen bietet eine gewisse Vorauswahl, sorgsam kuratiert von den Buchhändlerinnen und Buchhändlern. Unser Job ist es mit unserem Sortiment Wünsche und Vorfreude zu wecken. Allein unsere Auslagen sind eine erste Empfehlung, ein Aushängeschild dessen, wofür wir stehen und was uns Buchhändler/innen auszeichnet – die Vermittlung und Liebe zur Literatur.

Wenn ich eines gelernt habe, in den 14 Jahren, in denen ich schon Bücher empfehle, dann ist es, dass eine Empfehlung sich nicht darin erschöpft, dem Kunden ein Buch in die Hand zu drücken und zu sagen “Das ist ihr Buch!”  – wobei das auch schon vorgekommen ist . Von Büchern und Empfehlungen weiterlesen

Abschlussball – Jess Jochimsen

Es gibt Autoren, von denen ich erwarte, dass sie mir eine traurige Geschichte erzählen können, bei der ich trotzdem schmunzeln muss. Einer davon ist Jess Jochimsen, dessen feinen Humor ich sehr schätze. Wer sonst könnte die Geschichte um einen Friedhofstrompeter mit solcher Leichtigkeit erzählen und dennoch nie in den Kitsch abrutschen? Marten ist ein Sonderling, einer, der schon so manches Tief im Leben erlebt hat und der sich eingerichtet hat, in seiner kleinen Welt. Er spielt den Toten ein letztes Lied auf seiner Trompete und versteckt sich auf dem Friedhof und in seinen kleinen Ritualen – vor dem Leben? Im Verlaufe des Buches wird er es herausfinden und wir schauen ihm dabei zu – mal besorgt, mal lächelnd und hier und da auch trocken schluckend.

Wieder hat Jess Jochimsen es geschafft, einen Roman zu schreiben, der sich abhebt, in dem seine Protagonisten die sein können, die sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen. Kein leichtes Buch für den Sommerurlaub, im Gegenteil. Aber dennoch ein Buch, welches man an einem lauen Sommerabend lesen kann, leise Trompetenklänge noch im Ohr. Und wenn man es zuschlägt, wird man das Gefühl nicht los, ein kleines bißchen mehr verstanden zu haben. Vom Leben, der Liebe und dem Tod.

Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg – Jenny Colgan

Erinnert ihr euch noch an Polly, ihre herrlich duftenden Brote und die Bäckerei auf der kleinen Halbinsel? Mittlerweile ist es Sommer geworden und Polly muss sich so einigen unerwarteten Herausforderungen stellen. Oftmals sind Fortsetzungen ja eher lauwarm, bei diesem Cornwall-Roman ist das glücklicherweise nicht der Fall. Auch der zweite Band ist wieder herrlich charmant und witzig erzählt, denn die Geschichte um Polly, ihren Freund Huckle und Neil, den Papageientaucher bietet noch so einiges an Stoff zum Erzählen. Als Urlaubslektüre bestens geeignet und wer den ersten Band “Die kleine Bäckerei am Strandweg” noch nicht kennt, packt den auch gleich noch mit in den Koffer

Astrid Lindgrens Welt in Vimmerby

Noch einmal Kind sein

Das schafft Astrid Lindgren bei mir immer noch spielend. Ganz egal, ob mein Sohn seine Bullerbü-CD hört, ob mein Mann ihm die Brüder Löwenherz vorliest oder ich mal wieder Pippi Langstrumpf lese – wir alle verfallen immer wieder diesem ganz speziellen Zauber, den Lindgren ihren Geschichten verleiht.

Die drei Höfe von Bullerbü

Kein Wunder also, dass wir an einem verregneten Juni-Donnerstag den Regen (fast) vergaßen, als wir staunend und in Nostalgie schwelgend durch die Astrid Lindgren Welt in Vimmerby schlenderten. Astrid Lindgrens Welt in Vimmerby weiterlesen

Now! Entschleunigung – Selbstfürsorge – Lebensfreude – Ruth Knaup

Dieses Buch ist eine Erlaubnis zum Innehalten. Eine Einladung, tief durchzuatmen und sich für sich selbst Zeit zu nehmen. Denn wann tun wir das momentan, in unserem Leben? Wir multitasken, wir regeln und rödeln. Wenn wir krank sind, versuchen wir, möglichst schnell wieder gesund zu werden. Wir wollen etwas leisten, für unsere Familie da sein, wir hören nicht mehr genau zu, wenn unser Körper uns sagen will: Du brauchst mal Ruhe.

Ehrlich gestanden – so ging es mir auch. Ein wunderbares Jahr liegt bisher hinter mir, aber auch ein verdammt stressiges, forderndes. Es wurde dringend Zeit, mal auf die Bremse zu treten. Dazu hat in großem Maße dieses Buch beigetragen, in dem ich mich mehr als einmal wiedererkannte. In kurzen und aufgeräumten Kapiteln, die Übungen, Meditationen und Denkanstöße beinhalten, geht die Autorin eingeschliffenen Mustern und Verhaltensweisen auf den Grund. Sie beschäftigt sich mit Entschleunigung, damit, dass wir trotz allem, was auf uns einprasselt, die Wahl haben, wie wir leben, auch wenn das öfter mal das Wort “Nein” beeinhaltet und wir wieder neu lernen müssen, uns ganz auf Dinge einzulassen.

Sie schreibt über die oft vernachlässigte Selbstfürsorge, die Wichtigkeit, eigene Bedürfnisse zu erkennen und auch nach außen zu signalisieren. Denn wie können wir gut leben und für andere da sein, wenn wir uns nicht zuallererst mal um uns selbst kümmern? Ein dritter Abschnitt rundet das ganze ab, in dem sie über Lebensfreude schreibt, darüber, die Menschen und Erlebnisse in unserem Leben zu feiern, die uns gut tun. Beziehungen zu pflegen, Platz für Kreativität zu machen, verwegen zu sein.

Als ich dieses Buch gelesen habe, habe ich öfter innegehalten, habe mehr als nur eine Stelle markiert. Manchmal kommt das richtige Buch zur richtigen Zeit zu einem und dann schwingen seine Worte in Resonanz zu unseren Gedanken. Dann hinterfragen wir ehrlich, dann spüren wir, wie sich etwas in unserem Denken verschiebt und wir ein wenig mehr ankommen, in diesem, unserem Leben.

So oft sind wir auf der Überholspur unterwegs und vergessen, was wir und die Menschen um uns herum wirklich brauchen. Habt ihr auch das Gefühl, dass eine kleine Auszeit für euch gerade nicht schaden könnte? Dann nehmt dieses Buch mit!

Milk and Honey – Rupi Kaur

In den letzten Monaten ist mir ein Lyrikband immer wieder online begegnet, solange, bis ich ihn dann im Januar in Berlin in einem englischen Buchladen gekauft habe. Seitdem liegt er auf meinem Nachttisch, neben mir auf dem Sofa, begleitete mich auf Zugreisen, kurz – er ließ mich nicht los, er beschäftigte mich. Rupi Kaurs Gedichte treffen mich, zum Teil ist schon das Lesen schmerzhaft, gerade, wenn sie über Mißbrauch schreibt, was mir unglaublichen Respekt abnötigt.

Liebe kann verletzen, dich zerbrechen lassen und gleichzeitig alles überstrahlen und auch wieder heilen. Diese jeweiligen Extreme und Aspekte der Liebe lotet sie aus, in einer klaren Sprache, so, dass ich als Leserin oft denke – war sie dabei? Woher weiß sie so genau, wie es sich anfühlt, zu straucheln, sich in die Liebe hineinzuwerfen, an sich selbst zu verzweifeln? Gedichte, die man immer wieder lesen kann, die so wahrhaftig sind. Manche haben Stacheln, andere legen sich wie eine weiche Decke um mich.

Ja, dieser Gedichtband darf mich noch das ganze restliche Jahr begleiten und mir eine Zuflucht sein, ein Garten voller Wörter, eine kluge Begleiterin an meiner Seite.

“i am a museum full of art

but you had your eyes shut”

(S. 100, milk and honey)

Manchmal schreibe ich unter der Bananenpalme – Blogbuster 2017

Meine Blogbuster-Kandidatin Brigitte Morgenroth und ich haben uns zu einem kleinen Gespräch im Buchladen getroffen. Wie man sehen konnte, haben wir viel Spaß gehabt beim Interview!

Wie kamst Du auf die Idee zu deinem Roman, wie kamst Du auf das “Hundemädchen” Lili?

Ich bin bei einer Reihe bei Arte auf Oxana aufmerksam geworden, ein Mädchen, das zum großen Teil bei Hunden aufgewachsen ist. Das hatte mein Interesse geweckt und ich begann zu recherchieren und habe natürlich ganz viel zu Kaspar Hauser gelesen. Dabei fiel mir auf, dass die bisherigen Veröffentlichungen zum Thema auch in Romanform in den allermeisten Fällen aus männlicher und vorallem auch wissenschaftlicher Sicht geschrieben worden sind. Ich habe deshalb bewusst die weibliche Sicht gewählt, eine Frau und ein Mädchen und auch mehr Fürsorge als Wissenschaft.

Generell hat das Thema einfach sehr viele Facetten. Ich interessiere mich als Biologin natürlich sehr für die Human Animal Studies, die Frage, wo verläuft die Grenze zwischen Mensch und Tier. Ich habe auch unter anderem deshalb das Buch in der Nachkriegszeit angesiedelt, weil gerade der Krieg eine Zeit war, in der viele Menschen “unmenschlich” “wie die Tiere” handelten und sich diese Grenzen wieder verschoben. Lili, die tierische Eigenschaften hat, hält der Dorfgemeinschaft damit einen Spiegel vor. Aber wieder wird ein Mensch als das „Andere“ ausgegrenzt und wie ein Tier behandelt.

Wolfshund / www.pixelio.de (Copyright_A. S._pixelio.de)
Wolfshund / www.pixelio.de (Copyright_A. S._pixelio.de)
Wie und wo schreibst Du?

Ich konnte eine Zeitlang nachts nicht besonders gut schlafen und habe mir in dieser Zeit angewöhnt, nachts bzw. frühmorgens zu schreiben. Ich bin generell eine Frühaufsteherin und kann morgens am besten schreiben. Ein festes Ritual dafür habe ich nicht, es sollte ruhig sein, wenn ich aber im Schreiben drin bin, kann ich auch im Zug gut schreiben, da ich öfters pendele. Der Ort wechselt, mal schreibe ich im Liegestuhl, mal unter meiner Bananenpalme.

Schreibst Du eher strukturiert oder Mehr spontan?

Diese Geschichte ist ziemlich chronologisch entstanden. Generell habe ich von Anfang an Bilder und Szenen im Kopf und weiß auch, wie das Buch ausgehen wird. Ich habe mit meiner Freundin Maria Knissel, die selbst auch schreibt, sogar zweimal Schreiburlaub in Ahrenshoop gemacht. Eine Woche ans Meer im November, zwischendrin spazieren gehen und dazwischen schreiben, schreiben, schreiben. Wir haben in dieser Zeit wirklich in und mit unseren Figuren gelebt, das hat mir immer sehr viel gebracht. Ich bin ein großer Film-Fan und ein sehr visueller Mensch, der viel in Bildern denkt und mit diesen auch bewusst die Dramatik innerhalb der Geschehnisse steuert…

im-Gespräch-Pinkfisch-Brigitte-Morgenroth

Was hat Dich auf den Blogbuster vorbereitet?

Die jahrelange Teilnahme an der Schreibwerkstatt hat mich natürlich sehr geprägt und mir auch viel im Bezug auf Umgang mit Kritik gezeigt.

Warum soll die Jury dein Buch lesen, bzw. Warum würdest Du dein Buch empfehlen?

Testleser haben mir schon zurückgemeldet, dass sie bis spät in die Nacht gelesen haben- was mich natürlich sehr gefreut hat! Ich glaube, dass ich eine starke und spannende Geschichte geschrieben habe, eine, die ein Urthema in der Literatur behandelt. Eine meiner größten Stärken ist, dass ich mit wenigen Worten Bilder im Lesenden erzeugen kann.

Ihr wollt wissen, um was es in “Hundeseele” geht? Brigitte hat, gemeinsam mit ihrem Sohn, diesen kleinen Buch-Trailer aufgenommen!

Liebe Brigitte, ganz gleich, was nun als nächstes in Sachen Blogbuster passiert: ich bin sehr stolz, dass Du Pinkfisch als deinen Wunschblog angegeben hast. Ich mag dein Buch unheimlich gerne und drücke uns nun ganz fest die Daumen!

im-Gespräch-Pinkfisch-Brigitte-Morgenroth-2

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Indiebookday 2017

Alle Infos zu den vorgestellten Büchern zum #Indiebookday

New Yorker Geschichten von Dorothy Parker
übersetzt von Pieke Biermann und Ursula-Maria Mössner,
Kein & Aber Verlag

Die gelbe Tapete von Charlotte Perkins Gilman
übersetzt von Alfred Goubran,
braumüller Verlag

Zehn Tage im Irrenhaus von Nellie Bly
übersetzt von Martin Wagner,
AvivA Verlag

Strand am Nordpol von Arnaud Dudek
übersetzt von Bettina Deininger,
austernbank Verlag

Die Sonnenallee von Jörg Sundermeier
be.bra verlag

Das Buch der Wunder von Stefan Beuse
mairisch Verlag

Der Spaziergänger von Aleppo,
Weidle Verlag
übersetzt von Larissa Bender

Pferde wetten nicht auf Menschen von Susann Klossek ,
Gonzo Verlag

Kinder der verlorenen Gesellschaft von Safiye Can,
Wallstein Verlag

Fotzenfenderschweine von Almut Klotz,
Verbrecher Verlag

Jane, der Fuchs & ich von Fanny Britt und Isabelle Arsenault, Reprodukt Verlag
übersetzt von Ina Pfitzner

Warum ich lese herausgegeben von Sandro Abbate,
homunculus Verlag

Chirú von Michela Murgia,
Wagenbach
übersetzt von Julika Brandestini

Fürsorge von Anke Stelling,
Verbrecher Verlag

Mein pochendes Herz, Ae-Ran-Kim
Cass Verlag
übersetzt von Sebastian Bring

Dass wir uns haben – Luise Maier

Manchmal lese ich ein Buch, das so schmerzhaft ist und soviel in mir anrührt, dass ich mich frage, wie ich dieses Buch empfehlen kann und soll. Und gleichzeitig ist mir bewusst, wie wichtig diese Bücher sind, die den Finger auf die Wunde legen. Die Schmerz sichtbar machen, unsichtbare Familiengefüge ans Licht bringen und die uns aufschrecken lassen. Dass wir uns haben – Luise Maier weiterlesen