Formbewusstsein – Frank Berzbach

Dieses Buch ist kein Ratgeber. Es ist auch keine Anleitung zum Glück. Es ist besser – denn es ist eine Einladung, sich mit den vorherrschenden Themen in unserem Leben zu beschäftigen und ihre Formen auszuloten. Ganz oft fühle ich mich von Frank Berzbach in meinem Alltag abgeholt. Nehmt euch Zeit für dieses Buch, legt ein Notizbuch neben euch und lasst euch darauf ein.

Ich mag den intensiven Blick, den er auf das vermeintlich „nicht so wichtige“ Alltägliche legt, denn das ist, was wir in unserem Leben bewusst gestalten sollten. Wenn er sich fragt, warum wir uns nicht die Zeit nehmen, für uns zu sorgen und unseren Frühstücksteller schön anzurichten, die Farben und verschiedenen Geschmacks13653181_10209956380376715_2014204786138074506_orichtungen zu genießen? Für uns allein – einfach, weil wir bei jedem Essen auch entscheiden, wie wir uns selbst behandeln? Oder welchen Einfluss Ordnung, Besitz und auch Smartphones auf unser heutiges Leben haben. Das klare und bibliophile Design des Buches schafft es, die Aussagen noch klarer hervorstechen zu lassen, bei vielen Zitaten krame ich das Notizbuch hervor, um sie schriftlich zu verinnerlichen.

Auch Dinge, die ich instinktiv bereits tue, werden hier aufgegriffen. Zum Beispiel, am Morgen einige Zeit darauf zu verwenden, mich dem Tag entsprechend anzuziehen, eine Aussage über mich und meinen Anspruch an diesen Tag durch meine Kleidung zu treffen. Erfrischend, dass er das nicht als Oberflächlichkeit abtut, sondern sehr viel tiefer in seiner Deutung geht, Kleidung unter anderem auch als „nonverbale Kommunikation“ versteht. Eine weitere Gemeinsamkeit lässt mich lächeln – wir schreiben beide gerne mit der Hand und genießen diese bewusste Langsamkeit, die das Schreiben mit einem Füllfederhalter mit sich bringt. IMG_20160404_155136

Besonders sticht heraus, dass er in jedem Kapitel eine Vielzahl an Gedanken zusammenträgt und eigene Schlüsse daraus zieht, sich aber so weit zurücknimmt, dass der/die LeserIn beginnt, eigene Gedanken zu entwickeln und für sich zu philosophieren. Das Buch ist herrlich frei von strikten Vorgaben oder Verteufelungen, es bildet zunächst einmal den heutigen Zeitgeist ab und fragt sich – wie kann uns das, was wir jeden Tag erleben, bereichern? Oftmals spielt allein die Dosierung die entscheidende Rolle. Die Vernetzungen die in diesem Buch entstehen, spinnen mühelos neue Fäden in meinem Kopf weiter und lassen mich nachdenken und innehalten. Und was, frage ich euch, muss ein Buch mehr können?

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Fotzenfenderschweine – Almut Klotz

Dies ist ein Buch über Liebe. Über Liebe, für die hart geackert wird. Die nicht einfach ist und kein Hollywoodklischee bedient. In der endlose Nächte lang gestritten wird, in der die Unterschiede oft stärker klingen als die Gemeinsamkeiten. Das klingt nicht nach Liebe, sagt ihr? Oh doch – und es beeindruckt mich um vielfaches mehr. Mit Wucht bekommen wir ungeschönte Szenen serviert, um gleich darauf wieder eine kleine Zärtlichkeit zwischen den Zeilen zu spüren. Gerade dieser so ehrliche und unverstellte Blick auf ihr Leben, ihre Beziehung mit Rev. Christian Dabeler und ihren künstlerischen Werdegang ist es, der mich das Buch in einem Zug durchlesen lässt.

Es ist ein Fragment, ein Text der nicht fertiggestellt werden konnte, aufgrund des Todes von Almut Klotz im August 2013. Dem Verbrecher Verlag gebührt großer Respekt dafür, dass er diesen Text, dessen Veröffentlichung der unbedingte Wunsch der Autorin war, nicht verändert hat, auch nicht die Stellen, in denen sie selbst auch mal nicht gut abschneiden. Und der Titel? sehe ich noch ein Fragezeichen in euren Augen aufleuchten. Der ist großartig. Wer dieses Buch liest (und dazu rate ich euch dringend) wird verstehen, warum.

 

 

Die kleine Bäckerei am Strandweg – Jenny Colgan

Ab und an, brauchen wir da nicht alle mal so eine kleine Buchaffäre? Zwischen dem 800-Seiten-Wälzer und dem Klassiker? Ein winziges Inselnest in Cornwall, eine junge und leicht verzweifelte Protagonistin und natürlich ein Hobby, dass auf wundersame Weise den Umschwung (und die Liebe?) bringt. Die Zutaten für diese Art von Roman sind bekannt – und doch, manchmal lässt man sich mit Freuden darauf ein und weiß am Ende kaum, wo die knapp 500 Seiten schon wieder hin sind…

Die Rückkehr – Rebecca West

Da habe ich Urlaub, und was tue ich? Ich verschanze mich in einer großen Buchhandlung mit Stift, Notizblock und einem guten Dutzend Bücher in einer versteckten Sitzecke. Passioniert, könnte man sagen.

Und da halte ich es in der Hand: Ein schmales Bändchen aus dem verehrungswürdigen Verlag dtv, darauf zu sehen eine Frau von hinten, wie sie die Treppe herabsteigt, die Haare umkränzt vom feinen Gegenlicht. Alles an diesem Bild, die Farbe, die Kleidung, die Haltung, die Vertäfelung der Wände, verrät mir, dass dieses Szene eine Szene aus den 20er Jahren sein muss.

Damit liege ich nicht ganz falsch. Rebecca Wests Roman „Die Rückkehr“ erschien zum ersten Mal 1918 und gilt als einziger Roman einer Frau dieser Zeit, die den ersten Weltkrieg thematisiert.

Kitty und ihre Cousine Jenny sind zwei junge Frauen der gehobenen Mittelschicht im Englischen Süden. Sie bewohnen zusammen ein Herrenhaus. Beide warten darauf, dass Kittys Ehemann Chris wohlbehalten aus dem Krieg zurückkehrt und damit ihr wohlgeordnetes Leben wieder einziehen kann.

Doch Chris kommt nicht wohlbehalten zurück. Er hat bei einem Angriff durch eine Granate sein Gedächtnis verloren und erinnert sich nicht mehr an seine Ehefrau, nicht an Jenny, nicht an das prachtvolle Haus, dafür aber an seine erste große Liebe Margaret.

Margaret wird in das Haus eingeladen, um Chris zu heilen, und ab da verwirren sich die Geschehnisse zu einem Gespinst aus Eifersucht und Drama. Mit welcher Leichtigkeit und wie fast nebenbei Rebecca West in dieser Gemengelage die großen menschlichen Fragen stellt, zeugt von großer Meisterschaft. Was tut der Mensch nicht alles, um dem drohenden Chaos zu begegnen? Und wie wichtig ist die Wahrheit, um seine Würde als Mensch bewahren zu können? Und so treffen zwei der drei Frauen am Ende eine wagemutige Entscheidung. Sehr großes Kino!13041332_10154063603816153_254044038460643117_o

Alte Texte wie dieser üben einen magischen Sog auf mich aus. Diese Empfindsamkeiten und Naturbetrachtungen sind den meinen so ähnlich. Und das bedeutet nichts weiter, als dass, egal welche Sprache wir gebrauchen und welche Spielzeuge uns gefallen, diese Gefühlswelten im Menschen universell sind. Da blühen Pflanzen und vergehen, manches ist wild, anderes gezähmt, um unser Auge zu erfreuen und uns vor der Erkenntnis zu bewahren, dass wir sterblich sind. Immer wirkt die gleiche Antriebsfeder, das Bedürfnis, gegen das Vergessen und Vergehen etwas zu unternehmen. Überall wo der Mensch seiner Umwelt ästhetischen Zwang antut, Worte in Prosa oder Verse fasst, Lieder schreibt, einen Garten anlegt oder versucht, von seiner Umgebung mit Pinsel und Farbe oder einem Fotoapparat ein erträgliches Abbild zu schaffen, ringt er mit der Vergänglichkeit. Und das schon seit Menschen Gedenken.

Wie nebenbei fließen dann Dinge ein, die es so nicht mehr gibt, die man aus der Distanz gerade eben so erkennt, das knatternde Geräusch von Zeppelinen, die über den Himmel fahren, das Klackern billiger Korsettstäbchen, die Tatsache, dass der Chauffeur aussteigen muss, um den Motor des Wagens anzulassen, verschwommen taucht in uns das Bild einer Kurbel auf, die es so seit ewiger Zeit nicht mehr gibt.

Unsere Geräusche sind vielleicht andere, Zeppeline gibt es nicht mehr, auch nicht die Antriebskurbel am Kühler eines Autos. In Zukunft werden Autos nicht nur keine Geräusche mehr machen, sondern auch noch selber fahren. Die Menschen in diesem Roman sind schon seit geraumer Zeit tot, genauso wie ihre Autorin. Aber ihre moralischen Überlegungen, ihre Eifersucht und ihre Kriege, ihre Liebe und ihre Hingabe waren zu allen Zeiten die gleichen wie unsere. Und sie waren, wie unsere, immer modern. Mit Ehrfurcht und Zittern erkenne ich darin meine eigene Vergänglichkeit und klappe das Buch zu mit dem Gefühl, in einen tiefen Brunnen geschaut zu haben.

Gastrezensentin ist Anja Wylezol, Wortakrobation und Sprachliebhaberin, außerdem seit ganzen 13 Jahren meine geschätzte Kollegin, deren literarische Sachkenntnis und Begeisterung mich über die Jahre vieles gelehrt haben. Danke, liebe Anja!

Ein neuer Pfad zum Wasserfall – Raymond Carver

Dieser Gedichtband hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht und ja, er hat mich berührt, mehr, als ich das im Vorhinein gedacht hätte.

Carver schrieb diese Gedichte in dem Wissen, dass er sehr krank war und seine Ärzte ihm nur noch etwa ein Jahr zu leben gaben. Als ich die Einleitung seines Übersetzers Helmut Frielinghaus las, erwartete mich die erste Überraschung, denn dieser hatte sich nicht nur intensiv mit Carvers Werk auseinandergesetzt, sondern teilte Carvers Erleben, denn auch er war schwer krank und verstarb im Januar 2012. Die Übersetzung von Carvers Gedichten war das letzte, woran er gearbeitet hatte.

Die nächste Besonderheit besteht im Aufbau. Carver und seine zweite Frau Tess, die den Band mit ihm gemeinsam zusammenstellte, stellten seinen eigenen Gedichten Werke anderer Autoren, allen voran Tschechow, aber auch Tranströmer und Milosz, an die Seite. Die Inspiration dazu fand Carver bei Czeslaw Milosz. Das hat einen ganz eigenen Reiz, weil die Gedichte auf eigentümliche Weise oft ineinanderzugreifen scheinen und der Leser/die Leserin eigene Entdeckungen macht. Carver las viel in seinem letzten Jahr und die ausgewählten Gedichte und Versatzstücke anderer in einem Guß mit seinen Worten lesen zu können, das hat etwas sehr Intimes. Es ermöglicht uns eine Art zweiten Blick auf seine Gefühlswelt und den Stellenwert von Literatur in seinem Leben.

Seine Gedichte berühren mich, sie lassen mich still werden und ich versinke in den Worten. Es sind kleine Geschichten, kurze Schlaglichter, sie erzählen von Momenten, in denen sich das Leben verändert, sie handeln von Trauer, Verlust aber auch von Zufriedenheit, von Lebenslust und der Liebe. Und sie handeln von Abschied und mehr als einmal muss ich ein paar Tränen wegwischen. Wegen Gedichten wie „Spätes Fragment„.

Spätes Fragment
Und – hast Du bekommen, was
Du haben wolltest von diesem Leben, trotz allem?
Ja, hab ich.
Und was wolltest Du?
Sagen können, dass ich geliebt werde, mich geliebt
fühlen auf dieser Erde.

Die letzte Überraschung liegt in dem liebevollen Nachwort, dass seine Frau Tess diesem Band hinzufügte. Sie schreibt über die letzten Monate mit ihrem Mann, sie beschreibt das Entstehen von einigen Gedichten und die Geschichten dahinter. Das Nachwort ist ungeheuer packend und spannend, ich habe es gleich mehrfach gelesen. Was für ein Geschenk, dieses nochmalige Vertiefen in Carvers Schaffen.

Was bleibt zu sagen? Alles, was ich bisher von Carver gelesen habe, hat mich beeindruckt, ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Ich darf mich glücklich schätzen, einiges noch nicht zu kennen, denn so bleibt immer noch etwas, auf das ich mich freuen darf.

[Zitat aus "Ein neuer Pfad zum Wasserfall" von Raymond Carver, S. 128, S. Fischer Verlag, Fischer Klassik, erscheinen 2013]

 

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind – Jonas Jonasson

Ein inneres Zwiegespräch

Mich nervt ja selten ein Buch so richtig. Aber hier – ich habe ewig dafür gebraucht, weil es mich beim Lesen so enttäuscht hat und nun will ich eigentlich der Welt mitteilen, was da für mich alles nicht stimmte. Meinste, das kann ich machen? Ich war beim Lesen wirklich entnervt!

Ja dann! Lass es raus!

Aber ich kann doch nun schlecht schreiben: Dieses Buch könnt ihr euch sparen! Oder doch?!

So sehr ich für markige Überschriften bin, vielleicht unterfütterst Du deine Aussage noch mit etwas mehr Argumentation?

Fairer Einwurf. Beim ersten Jonasson fühlte ich mich noch sehr gut unterhalten, beim zweiten war es schon ein Aufguß des ersten, aber immer noch nett zu lesen. Der dritte hingegen…

Ja? Nun bloß nicht schüchtern werden!

Ich habe beim Lesen immer wieder gedacht: Die Idee des Plots reicht nicht! Sie reicht nicht aus!

Wie meinst Du das?

Die Grundidee war einfach zu knapp und wurde dann später noch mehrfach künstlich verlängert, was mich schon ermüden ließ. Nur, weil man einen knackigen Aufhänger hat, rollt sich die Story nicht von alleine aus. Die Figuren wirken holzschnittartig, man symphatisiert wirklich mit niemandem und bei jeder weiteren grotesken Wendung habe ich nur noch geseufzt. Wie bei vielen Dingen im Leben macht es auch in einer guten Geschichte die Dosierung und in diesem Buch ist das Salzfäßchen eindeutig vom Küchenregal in die Suppe gefallen. Die einzige Komponente, die ich nett angedacht fand, war, Mörder Anders unter anderem zu einem Internetphänomen zu machen, aber auch diese Idee wurde in meinen Augen nicht konsequent genug umgesetzt.

Aber in die Ecke geschmissen hast Du es trotzdem nicht, oder?

Nein. Ehrlich gestanden wollte ich wissen, ob er irgendwo noch die Kurve bekommt und fand auch, wenn ich das Buch danach schon kritisch besprechen will, sollte ich es wenigstens zu Ende lesen.

Und, bekam er die Kurve?

Überraschenderweise… Nein, nein, hier gibt es leider kein Happy End. Bis zum Schluß wurden noch einige Klischees ausgewalzt und dreimal in anderen Worten wiederholt und ich fühlte mich wie nach einem sehr, sehr langen Konzertabend mit Zwölftonmusik…

Das klingt als könnte es als französische Komödie funktionieren, aber nicht als Buch…Du rätst also ab?

Wer auf skurrile Figuren ohne größere Substanz, religiöse Kalauer und einen Galopp durch eine leicht löchrige Handlung steht, kommt hier voll auf seine Kosten! Die anderen…

Eher nicht?

Ne. Wirklich nicht. Kauft euch stattdessen lieber einen guten Gedichtband!

Stand Up: Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene – Julia Korbik

Wenn man mich vor fünf Jahren gefragt hätte: Bist Du eigentlich Feministin? ich hätte eher ausweichend reagiert. In meinem Kopf gab es doch einige angestaubte Ideen davon, wie sich die feministische Bewegung inszeniert und ich fand mich dort nicht so recht wieder. In den letzten zwei Jahren hat sich das grundlegend geändert, was einmal mehr zeigt, wie wichtig es ist, sich Sachgebiete selbst zu erobern, sich mit Informationen zu versorgen und Klischees und Vorurteile stets kritisch zu hinterfragen. In letzter Zeit habe ich mich durch einige Literatur zum Thema gelesen und besonders beeindruckt hat mich Stand Up.

Das Buch punktet bei mir gleich in mehrfacher Hinsicht. Klug und unaufgeregt, und mit Spaß an der Sache erklärt Korbik Feminismus und all seine spannenden Facetten. Sie beginnt bei den Basics und führt uns über Imageprobleme der Bewegung bis hin zu unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Geschichte des Feminismus. Besonders ansprechend fand ich die eingestreuten Kurzvorstellungen von Feministinnen und Feministen – hier habe ich immer wieder Namen notiert und später recherchiert, habe mir Bücher dieser Autor_innen bestellt oder Youtube-Aufnahmen von ihren Aktionen angesehen (Anspieltipp Amanda Palmer – Dear Daily Mail). Das Buch macht dermaßen Lust darauf, selbst weiterzuforschen und ist eine Quelle der Inspiration für mich gewesen. Ich empfehle es momentan bei jeder sich bietenden Gelegenheit .

Es beinhaltet auch für die Fans von Fakten, Zahlen und Statistiken reichlich Material, was ich besonders als Untermauerungsstoff für Diskussionen hilfreich finde (ebenso den Anhang mit feministischem Glossar und Literaturempfehlungen). Noch dazu ist oftmals so ein Uff-Moment eingetreten, wenn man Zahlen schwarz auf weiss so geballt sieht (Gender Pay Gap als Beispiel). Im zweiten Teil des Buches widmet sich Korbik der Gleichberechtigung in fünf dicken Kapiteln zum Thema Biologie, Körper, Politik, Popkultur und Los geht’s. Auch hier finden sich wieder viele Aha-Effekte, Tipps zum Andersmachen, Weitermachen, Gedanken machen. Es gibt unzählige tolle Zitate und Fragen, die im Kopf bleiben und zum Nachdenken anregen – denn nach der Lektüre ist klar – es gibt noch viel zu tun!

Mein absolutes Lieblingszitat aus dem Buch ist das folgende:

You’re rooting for gender equality? Congratulations, then you are a feminist!

Und last but not least – Die Aufmachung. Knallbunt, modern und grafisch sehr ansprechend gestaltet ist das Buch ist eine wahre Augenweide!

About my Shelf – Hrsg. von Maggie Gernatowski

Ich warne euch vor – wenn ihr dieses Buch zur Hand nehmt, plant entsprechend vor und vor allem genug Zeit ein. Einen Stift und das Notizbuch: zum Notieren der Bücher, die ihr nun lesen möchtet. Und: Lautsprecher und das Musikportal eurer Wahl um euch stundenlang durch die Musiktipps zu hören.

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Was habe ich dieses Kleinod gerne durchgeblättert und gelesen! Die Grundidee ist einfach.

10 Musikerinnen und Musiker erzählen uns etwas über ihre Bücherregale.

10 Autorinnen und Autoren erzählen uns etwas über ihre Plattenregale.

Dabei kam ein ganzer Schatz an Empfehlungen heraus, die durch das luftige und klare Layout leichtfüßig daherkommen. Eine grobe Form ist vorgegeben und doch hat man viel mehr das Gefühl, einem Gespräch zu lauschen als ein Interview zu lesen. Man gerät ins Stöbern, entdeckt komplett Unbekanntes und freut sich, wenn man gar bei einem geliebten Autor eine musikalische Gemeinsamkeit entdeckt ;-)  Ich liebe solche Bücher, die mir einen Einblick erlauben und mir etwas über Menschen erzählen, mit der der gleichen Leidenschaft für ihre Regalinhalte.

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Und daher gibt es jetzt auch gleich drei meiner neuen Anspieltipps, beim Durchhören für mich entdeckt:

 

The Earth Is Not a Cold Dead Place von Explosions in the Sky (die Band hört Karen Köhler manchmal beim Schreiben)

Landslide von Fleetwood Mac & I Still Do von I Am Kloot (hört Benedict Wells, wenn er etwas Trauriges schreibt)

Auf der Buchwunschliste gelandet sind:

Revolting Rhymes von Roald Dahl (liebstes Kinderbuch von Cherylin Macneil

Faserland von Christian Kracht (Hendrik Otremba nennt eine Szene aus diesem Buch auf die Frage nach seiner Lieblingsszene)

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an meine Buchhändlerinnen-Kollegin Marijke, die dieses fabelhafte Buch für unseren Buchladen entdeckt hat! Ich wünsche ihm noch ganz viele Leser!

 

Und manchmal doch ein Film.

Ich bin ein Buchmensch, durch und durch. Wenn ich lese, dann läuft in meinem Kopf ein eigener Film ab, ich besetze die Figuren und sie erwachen in meiner Vorstellung zum Leben. Und so gerne ich diese Freiheit habe, manchmal interessiert mich doch, wie ein geliebtes Buch filmisch umgesetzt wurde. In den letzten Monaten habe ich einige Buchverfilmungen gesehen und einige noch auf der Liste stehen.

Ganz oben auf der Begeisterungsskala steht für mich „Der große Trip“ von Cheryl Strayed. Das Buch habe ich verschlungen, mich hat der Weg dieser Frau sehr imponiert und ich war enorm gespannt, wie das alles im Film wirken würde. Das Buch geht natürlich weiter in die Tiefe was die Auseinandersetzung mit sich selbst von Strayed angeht, aber der Film kann absolut mithalten: Witherspoon (als Cheryl Strayed) ist genauso eine Top-Besetzung wie Laura Dern (als Mutter Bobbi) und beide sind exakt so, wie ich sie mir vorgestellt hätte. Dazu kommen natürlich die beeindruckenden Naturaufnahmen und die intensive Stimmung, die sich durch den ganzen Film zieht. Für mich definitiv ein Muss-man-sehen-Tipp!

 

 

Wenn ich große Gefühle möchte, greife ich sowohl im Buchregal als auch bei den DVDs nach Nicholas Sparks. Besonders gelungen (und für mich in diesem Falle fast einen Zacken besser als der Roman) war „Mit Dir an meiner Seite“ . Ein Taschentuch-Film, ein Familiendrama und eine Liebesgeschichte mit Musik.

 

 

Im Jahr 2009 hat mich „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen total begeistert. Das Buch stach besonders durch seine Ausstattung hervor, zig Anmerkungen und wissenschaftliche Notizen der Hauptperson an den Seitenrändern, eine kleine Leseherausforderung, in der ich völlig versunken bin. Diese Besonderheit kann der Film nur in Teilen wiedergeben, dafür besticht er mit einer sehr überzeugenden Helena Bonham Carter. Der Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Die fabelhafte Welt der Amelié) lässt die große Weite der U.S.A auf den Zuschauer wirken, er lässt mit bunten Farben und mit großem Spaß an den ungewöhnlichen Charakteren einen sehenswerten Film entstehen.

 

 

John GreensDas Schicksal ist ein mieser Verräter ist mittlerweile natürlich einem großen Publikum bekannt, hat sich zur Schullektüre gemausert und Green hat es wie kein zweiter Jugendbuchautor geschafft, seine jungen Leserinnen und Leser (und auch das ein oder andere ältere Semester) für sich einzunehmen. Das Buch hat mich weinen und lachen lassen, es hat lange gedauert bis ich mich entschliessen konnte, den Film zu schauen. Ich denke jeder Buchfreund kennt dieses bange Gefühl, ob die Verfilmung dem Buch gerecht werden kann. Man merkt dem Film an, dass hier eng mit dem Autor zusammengearbeitet wurde und die Veränderungen minimal sind. Ich brauchte genauso viele Taschentücher wie beim Lesen, den beiden Hauptfiguren nahm ich jede einzelne Sekunde ab, es gab Szenen bei denen ich ergriffen auf dem Sofa saß … Volltreffer!

 

 

Auf meiner Will-ich-sehen-Liste für die nächsten Monate stehen noch diese Filme:

Mein Leben ohne gestern von Lisa Genova wurde unter dem englischen Titel „Still Alice“ verfilmt. Der Trailer lässt mich einiges erwarten, das Buch hatte seinen ganz eigenen Ton und die Thematik hat mich länger beschäftigt. Julianne Moore ist eine großartige Schauspielerin, schon dieser kurze Einblick in der Vorschau zeigt dass sie die nötige Klaviatur von Emotionen schauspielerisch darzustellen weiss.

 

 

Das also ist mein Leben“ von Stephen Chbosky („Vielleicht lieber morgen„). Das Jugendbuch habe ich bereits vor Jahren gelesen. Was mich daran so berührte war, dass sich das Buch entblätterte und erst nach und nach klarwurde, worum es wirklich geht. Charlies Schicksal ging mir nahe und ich hoffe sehr, dass der Film diesen Aspekt gebührend behandelt. Ich bin außerdem ein Fan von Emma Watson und kann sie mir gut in dieser Verfilmung vorstellen.

 

 

Um diesen Film schleiche ich seit langem herum. „Naokos Lächeln“ gehörte zu einem der allerersten Bücher von Haruki Murakami das ich las – zum Teil in meiner Mittegspause auf dem Rücksitz meines allerersten Autos, das Buch ist mittlerweile ordentlich abgeliebt und bleibt eines meiner Lieblinge. Ob ein Film da jemals heranreichen könnte? Ich bin nicht sicher, ob ich hier wirklich meine Vorstellung gegen die des Regisseurs eintauschen möchte – wir werden sehen

 

 

Was habt ihr in letzter Zeit für Literaturverfilmungen gesehen? Habt ihr Tipps oder ratet ihr vom ein oder anderen Film leidenschaftlich ab? Und welche Reihenfolge bevorzugt ihr – erst das Buch und dann den Film oder andersherum?

 Dieser Artikel entstand in Kooperation mit clipfish.com.

Du bellst vor dem falschen Baum – Judith Holofernes

Was muss man über meine Anfänge mit Judith Holofernes wissen? Das erste und einzige Festival meines Lebens, beinhaltete einen Auftritt von Wir sind Helden. Unvergessen, wie diese vier Menschen trotz Regen und Unwägbarkeiten die Bühne rockten – eine Erinnerung, die auch rund ein Jahrzehnt später für mich unvergessen bleibt. Ihre CDs habe ich allesamt verehrt, sei es die Musik, seien es die Texte – sie haben mich durch alles begleitet, waren in Dauerschleife in meinem ersten Auto zu hören, haben Lieben und Trennungen begleitet und man kann wohl sagen, dass ich ein wenig mit den Helden erwachsen geworden bin.       20160103_194135

Vor Jahren habe ich mit Freude ihren Tourbericht gelesen und als sich die Band auflöste war ich zwar traurig, gleichzeitig aber auch dankbar dafür, dass ich solange in den Genuß kam – schließlich hatte ich noch immer die CDs und immensen Respekt vor Künstlern, die sich auch trauen, irgendwann zu sagen: Das war schön! Macht es jut!

 

Man kann sich vorstellen, dass ich vor Freude juchzte, als ich entdeckte, dass es ein weiteres Buch geben würde, aus der Feder von Judith Holofernes. Sofort hatte ich es für eine Freundin als Geschenk bestellt und wartete auch selbst darauf. Wie das Leben manchmal so spielt und man jemanden kennt, der jemanden kennt, erreichte mich dann ein liebevoll signiertes Exemplar, was im Regal einen Ehrenplatz erhielt.

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Bevor ich diesen Leseeindruck schrieb, habe ich einige andere Rezensionen gelesen. Und darunter auch einige gefunden, die dem Buch eine ganz schön negative Breitseite verpassten. Jedem seine Meinung, es bleibt ja alles Geschmackssache. Und doch fragte ich mich: Haben diese Rezensenten das Buch verstanden?

Ich habe es mit Begeisterung gelesen, immer wieder herausgeholt. Hier wird mit Sprache gespielt und wenn ich mich dafür nicht begeistern könnte, wäre ich wohl kaum Buchhändlerin geworden. Schon zu Heldenzeiten haben mich die Texte begeistert, gerade die, die sich nicht sofort erschlossen, die meinen Gedanken die Chance gaben, sich auf verschlungene Pfade zu begeben. Die Gedichte von Judith Holofernes zergehen einem auf der Zunge. Lest sie laut vor, lest sie euren Kindern vor und euch selbst. Schmeckt die Worte, genießt das Wortspiel, den Spaß an kleinen Verrücktheiten und daran Sprache sinnlich zu erleben.

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Es ist ein Gedichtband, dessen Illustrationen von Vanessa Karré ebenfalls dazu einladen, sich in einem Gedankendschungel zu verlieren. Was haben einige Kritiker davon erwartet, dass sie sich so enttäuscht fühlten? Ich begreife dieses Buch als eigenwillige Kunst, denn so ist mein Gefühl beim Lesen. Ich verharre, ich spreche, zische, trillere die Verse. Ich verweile bei einem Gedicht länger als bei einem anderen, bin in einem Museum der Tiere unterwegs, welches mich herausfordert und zum Lachen bringt, wo jemand den Mut hat, sich auszudrücken und seine Kunst zu leben.

Was kann ich von einem Buch und der Kunst mehr wollen? Danke dafür!