Der Inhalt der Regale

Dies ist vielleicht einer der schwierigsten Texte, die ich bisher in meinem Leben schreiben musste. Ich schreibe über ein Gefühl, dass ich bis vor wenigen Wochen noch nicht kannte.

Als ich nach zwei Tagen unser Zuhause wieder betreten dürfte, mit Handschuhen und Atemmaske, stand ich fassungslos vor den schwarzen Regalen. Eine Nachbarin warf den lapidaren Satz hin “Das ist doch nur Papier!” und heute bringt mich dieser Satz dazu, über eben dieses Papier zu schreiben.

Denn auch, wenn das vielleicht nicht jeder verstehen kann, für mich waren diese Regale und seine Bücher Freunde. Und bei jedem Titel, den ich für die Versicherung notieren musste, wurde der Verlust schmerzlicher, wurde mir klarer, was wir hier verloren haben.

Wenn Du an einem Tag, weil die Sanierungsarbeiten dringend beginnen müssen, innerhalb weniger Stunden tausend Bücher fotografieren musst und sie dann in Kisten packst. Wenn keine Zeit ist, deine liebsten, eigenen Kinderbücher noch einmal durchzublättern. Wenn dein Mann seine über Jahre antiquarisch erworbene Sammlung einer Sci-Fi-Serie zusammenpackt, deren Titel man wegen dem Ruß nicht mehr erkennen kann. Wenn Du alle Bilderbücher deines Sohnes gehen lassen musst, die so voller Erinnerungen stecken an gemeinsame Vorlesestunden.

Wenn deine Sammlung von Weihnachtsbüchern in Umzugskartons verschwindet. Die Fachliteratur aus deiner Ausbildung, die gefühlt noch voller Schweiss und Tränen steckt und nächtelangem Lernen. Das allererste Leseexemplar, was Du im Buchladen bekommen hast. Die Bücher, die Du zigmal gelesen hast, in denen Lesezeichen stecken und in denen die schönsten Sätze angestrichen sind. Die Bücher mit persönlichen Widmungen und liebevoll ausgesucht von Herzensmenschen. Die angestrichenen Rezepte in der großen Kochbuchsammlung. Die kleinen Zettelchen in den Büchern, auf denen mein Mann und ich uns in der ersten Zeit Nachrichten schickten. Dein erstes Lexikon, was bisher jede Aussortieraktion überstanden hatte, auch wenn es längst aktuelleres gab.

Wenn Du schreien möchtest, weil Du mehr Zeit brauchst. Zeit um Dich zu verabschieden. Um zu verstehen. Und wahrscheinlich hätte auch eine Woche nicht ausgereicht. Diese Bücher haben wir unser ganzes Leben lang zusammengesammelt und ausgesucht. Diese Millionen von Wörtern. Diese Begleiter, diese Teile unserer Geschichte und unserer Familie. In diesen Regalen standen auf den ersten Blick einfach nur Bücher. Aber in diesen Regalen stand unser Leben. Wer unsere Regale durchforstete, fand uns. Unsere Interessen, unseren Wissensdurst, unsere Freuden, die Dinge die wir liebten und verehrten. Man fand sovieles von dem, was uns ausmacht. Ich erwische mich hier, in unserem Exil, wie ich nach einem Buch greifen will, was Linderung verspricht. Und dann wieder realisieren muss, was nun fehlt.

Ich bin unglaublich dankbar, dass es meiner Familie und allen Nachbarn gut geht und alle rechtzeitig in Sicherheit waren. Das ist und bleibt das Wichtigste. Und trotzdem: Nein, es war nicht nur “nur Papier“. Wir haben an einem Abend soviel mehr verloren, als “nur Papier“.

11 Gedanken zu „Der Inhalt der Regale“

  1. Ach, Fischlein … mir bricht das ja schon beim Lesen mein bücherliebendes Herz, und der “Nur Papier”-Spruch macht mich grad richtig, richtig, richtig sauer. (Mir fällt mal wieder Dieter Nuhr ein – “wer keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten”.)

    Fühl Dich auch an dieser Stelle ganz lieb umärmelt. Mehr mal wieder andernorts. Ich denk an Euch!

  2. So oft theoretisch drüber nachgedacht, “welche 5 Bücher man retten” würde… So gut, wenn diese Überlegung Theorie bleiben kann!
    Klar ist es “nur Papier”, aber auch ein großes Stück Vergangenheit und Erinnerung! Alles Gute für euch drei und viele Gelegenheiten neue, schöne Erinnerungen zu “ersammeln”.
    LG, Jule

  3. Liebe Sarah,

    so wahr, was du schreibst… Ich kann mir das auch überhaupt nicht vorstellen, von jetzt auf gleich alle meine Bücher zu verlieren. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ein paar auf Wanderschaft gehen. Zu jemandem, wo sie bestens aufgehoben wären und dann dort den Grundstock für eine neue Sammlung papierner Freunde bilden könnten. Wenn ihr eine neue Wohnung habt, lass mal kurzschließen! Ich drück dich,
    Colette

  4. …. aber vielleicht hat die Nachbarin das ja ganz anders gemeint ?

    Was hast Du denn letztendlich WIRKLICH verloren mit Deiner Bibliothek ? Papier und Druckerschwärze .

    Aber alles andere, alles, was Dir diese Bücher bedeuten, was Du von ihnen gelernt hast, was Du an Erinnerungen mit ihnen verbindest, Sarah, das trägst Du doch tief in Dir drin, das BIST doch letztendlich DU ….

    Schau in den Spiegel, schau Dir diese tolle, mutige, aufrichtige Frau an , die Du bist. Die so viele Schwierigkeiten schon bewältigt hat, die so unglaublich reif und in manchen ihrer Überlegungen fast schon weise ist, daß man manchmal fast vergißt, wie jung an Jahren Du eigentlich noch bist.

    Schau Deine Familie an, Deine beiden Männer , denen Du die beste Ehefrau und Mutter bist, die sie sich nur wünschen können. Was haben Dein Mann und Du alles miteinander schon erlebt, welchen Stürmen habt Ihr gemeinsam schon standgehalten, welche Stütze konntet Ihr Euch gegenseitig schon sein !
    Euer kleiner, so wunderbar herzlicher Sohn, der Eure Liebe zu Büchern und Sprache geerbt hat, dem Ihr von Geburt an vorgelebt habt, welch Glück es ist, in andere Welten eintauchen zu können und auch selber eigene Welten zu erschaffen mit Worten.

    Und dann schau weg vom Spiegel und um Dich herum.
    Schau das soziale Netz an, daß Euch gerade trägt, die Hilfe von allen Seiten – die Menschen geben zurück, was sie von Dir schon bekommen haben, an Inspiration, Unterstützung und vielleicht auch manchmal “nur” an guter Laune, die sie sich im Umgang mit Dir im Laden geholt haben….

    All das, liebe Sarah, ist (nicht nur, aber auch) die Quintessenz der jetzt verlorenen Bücher.
    Jedes Einzelne von ihnen hat seine Spuren in Dir hinterlassen – sei es nun direkt durch seinen Inhalt oder durch die Art und Weise, wie es zu Dir kam -, jedes Einzelne hat Dich zu dem Menschen gemacht, der Du heute bist.
    Du bist an und mit Deiner Lektüre gewachsen, bist geprägt durch eben den Inhalt der Regale und das kann Dir nichts und niemand jemals nehmen !

    Natürlich hast Du “das haptische Dasein” Deiner Bibliothek verloren, aber nicht das wirklich Wesentliche: Deine ganze wundervolle (pinkfarbene) innere Welt, Dein ganzes “Sarah sein”, die Du eine völlig andere wärest, hättest Du anderes gelesen, als das, was da nun nicht mehr körperlich anwesend ist.

    Das Papier und die Druckerschwärze fehlen, da hat die Nachbarin vollkommen recht, aber das, worauf es schlußendlich ankommt, sozusagen den “Mehrwert von Papier und Druckerschwärze”, wirst Du IMMER behalten, das trägst Du in Dir, das macht Dich aus.

    Und darauf kannst Du vertrauen !
    Es ist jetzt eine furchtbar schwere Zeit für Dich und Deine Lieben, der Schock sitzt sehr tief und wird auch nicht so schnell abklingen.
    Aber irgendwann wirst Du erst ahnen und dann auch als Gewissheit erleben, daß das geistige und emotionale Fundament der verlorenen Schätze stabil, tragend und unverwüstlich ist – hey, Sarah, ich bitte Dich, der Botschaft guter Bücher kann doch “so ein bißle Feuer und Wasser” nix anhaben ! ;-))
    (Zumindest wurde das in Seckbach so vermittelt….)

    Mir ist vor ein paar Jahren etwas ganz Anderes passiert, was aber auch zur Folge hatte, daß ich mich von meiner gesamten, heißgeliebten Bibliothek trennen mußte.
    Den Kloß im Hals, den ich beim wegpacken meiner Bücher spürte, habe ich noch langelangelange danach gefühlt.

    Aaaaber: Mit einem gewissen Abstand sehe ich nicht nur, was mir innerlich geblieben ist von den versunkenen Schätzen, sondern ich konnte die entstandenen Lücken auch mit Inhalten füllen, die es definitiv nicht gegeben hätte, wenn das, was mir passiert ist, eben nicht geschehen wäre.

    Es ist jetzt noch vieeeeel zu früh für solche Gedanken und vor allem für solche Gefühle, aber eventuell hilft es ja, es Dir hier zu schreiben, damit Du es nachlesen kannst, wenn Deine Nacht am allerdunkelsten erscheint:
    Der Verlust jetzt birgt auch riesige Chancen für Dich.
    Du hast ein tolles intellektuelles und emotionales Rüstzeug mit auf Deinen Weg bekommen – und kannst jetzt, völlig unabhängig von den “regalenen Krücken” ganz eigene Pfade schaffen.

    Ich wünsche Dir so sehr, daß es nicht allzu lange dauert, bis Du den Mut und die Kraft findest, mit all dem, was und wie DU bist, neugierig auf das zu sein, von dem Du jetzt noch nichtmal ahnst,
    daß es die entstandenen Lücken einmal füllen wird.

    Sarah, Du bist so eigenwillig, so stark und so begabt in so Vielem – laß’ Dich von nichts und niemandem darin beirren, für Dich und Deine Männer den Tsunami, der die kleine Fischfamilie gerade durcheinanderwirbelt, in allen denkbaren Pinkvariationen bunt zu färben.

    Herzlichst

    auch eine Buchhändlerin

  5. Um Gottes Willen, das tut mir schrecklich leid für dich Das ist der Alptraum jedes Buchliebhabers, wie furchtbar, dass er für dich Realität wurde.
    Klar, ne Menge Exemplare kann man einfach neu kaufen, aber viele bergen halt doch die Erinnerungen. Orte, an denen man sie gelesen hat, Ereignisse, zu denen man sie bekommen hat und ganz hart auch signierte Ausgaben oder die mit farbig markierten Lieblingsstellen.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und alles Gute für euch und den Neuaufbau eurer Familienbibliothek.

  6. Ach Süße, erst jetzt habe ich deinen Text gefunden. Ich drück dich ganz fest – ich kann deine Trauer und Wut so gut verstehen. Es ist eben nicht nur Papier – wer so etwas sagt, hat wirklich keine Ahnung. Ach Mensch, vieles ist so schwer und manches gar nicht zu ersetzen, da bin ich froh, dass ich dir wenigstens ein dir wichtiges Buch schicken konnte.
    Herzliche Grüße von VZV

  7. Oh, mein Gott! Das ist ja schrecklich! Und du schreibst das auch noch so schön emotional, dass ich am liebsten ein bisschen mit dir weinen möchte.
    Natürlich sind Bücher nicht “nur Papier”. Da bin ich ganz bei dir. Wer wie ich mal ein unbenutztes Zimmer nur deshalb heizte, damit die antiquarischen Schätze nicht so sehr leiden, kann das gut nachvollziehen.

    Aber vielleicht meinte die Nachbarin ja, dass auch noch viel schlimmeres hätte passieren können. Immerhin geht es Euch allen offensichtlich gut.
    Natürlich ist der Hinweis in dieser Situation wenig hilfreich. Das ginge mir auch so. Mit etwas Abstand muss ich aber zugeben: da ist was dran. Nur Papier. Keine Bedrohung für die Gesundheit als höchstes Gut.

    Alles Liebe.
    Kerstin

  8. Hallo liebe Sarah,

    ich kann so gut nachvollziehen wie es dir mit dem Verlust geht.

    Aber das Wichtigste ist doch, dass keinem etwas gesundheitlich passiert ist.

    Deine Bücher werden immer in deinem Herzen sein.

    Gerne möchte ich dir beim füllen der neuen Bücherregale helfen.
    Habe noch einige Kinder- und Jugendbücher und würde sie dir dann schicken.

    Sobald du wieder in eurer Wohnung bist, melde ich einfach.

    Ganz liebe Grüße
    Inge

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