Gehe hin, stelle einen Wächter – Harper Lee

Es wird mir wohl nicht gelingen, über “Gehe hin, stelle einen Wächter” zu schreiben ohne auf den Inhalt einzugehen. Dieses Buch ist kein einfaches und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Unvoreingenommen kann sich wohl niemand der Lektüre stellen. Ich bin nicht enttäuscht, denn das Buch hat ziemlich viel in mir ausgelöst. Zunächst eine große Wiedersehensfreude mit den so liebgewonnen Figuren. Einige Beschreibungen der Zeit, in der “Wer die Nachtigall stört” spielt, ließen mich sofort wieder in diese Stimmung des “ersten” Romanes fallen, wie schön! Aber natürlich lassen mich auch die Umstände dieser Veröffentlichung grübeln: Warum jetzt? Die unklaren Angaben des Fundes. Nunja, ich bin da leider so pessimistisch, dass ich glaube, die verschiedenen Versionen dienen einzig und alleine der Presse. Und warum überhaupt? Natürlich kann man einwenden, dass zuerst die Geschichte, das Buch im Vordergrund stehen sollte, aber in diesem Falle sind die Begleitumstände ja auch nicht gerade normal.

Und natürlich die Geschichte an sich. Ich frage mich: wenn dieser Roman zuerst geschrieben wurde – was hat Harper Lee dazu gebracht, Atticus in der Nachtigall zwar ähnlich anzulegen (denn Grundzüge seiner späteren Haltung waren ja auch hier schon erkennbar), aber doch eindeutig als einen der “Guten“? Wenn sie sich später gefragt hätte: was ist eigentlich aus Atticus geworden und dann diesen Roman verfasst hätte – verständlich. Zwar eine Weiterentwicklung, die vielen nicht gefallen wird, der Fall des einstigen Helden, die aber durchaus in die Zeit passt. Aber so? So frage ich mich beim Lesen, wie die Idee zur Nachtigall entstand.

Jetzt wären wir wieder bei der Ausgangsfrage: Warum jetzt diese Veröffentlichung? Eines hat sie damit ja definitiv erreicht: eine Entzauberung und Demontage einer Figur. Vielleicht haben aufmerksame Leser der Nachtigall diese Tendenzen schon lange erahnt, vielleicht geht es vielen wie Scout besser gesagt Jean Louise, die fassungslos ist und ihren Vater vom Podest stoßen muss. Im Endeffekt passiert hier, was innerhalb einer gesunden Vater-Tochter-Beziehung passieren muss, die Abnabelung, die Wahrnehmung der (erhöhten) Vaterfigur als Mensch mit Fehlern und Schwächen. Das Einstehen für die eigene Meinung. All das ist der normale Lauf der Dinge – und doch ist es soviel mehr, weil die Meinungen der beiden sich um so ein gewichtiges Thema drehen. Das Buch endet versöhnlich, fast ein wenig kitschig – aber kann diese Beziehung zwischen den Figuren funktionieren? Im Leben müssen wir mit unterschiedlichsten Meinungen und Geisteshaltungen umgehen. Bei den Menschen, die wir lieben und bewundern, suchen wir uns diejenigen als Gefährten aus, die uns ähnlich sind in unseren Taten und Worten. Wenn eine solche, enge Beziehung aber durch einen permanenten Gewissenskonflikt belastet wird – kann dieser auf Dauer, der Liebe zuliebe, ausgeklammert werden?

Vielleicht hat Harper Lee erkannt, dass der Wächter an einer Stelle endet, die vieles offenlässt. Scout kann, nach meiner Ansicht, ihren Vater lieben, aber kann sie es über einen längeren Zeitraum hinweg, obwohl er eine Geisteshaltung vertritt, die sie im Endeffekt verurteilt? Reicht die Familie als Grund aus? Die Geschichte früher anzusiedeln und Scout als Kind auftreten zu lassen, welches den Vater bewundert und den Prozeß aus ihrer Sicht erzählt, eine andere Problematik zu behandeln, das hat ein ganz neues Buch erschaffen.

Ich schrieb zu Beginn, dass ich nicht enttäuscht bin und das bin ich auch nicht! Sprachlich und vom Stil her hat mich das Buch nicht die ganze Zeit überzeugen können, bei einem Debüt finde ich das aber auch nicht weiter verwunderlich, kann eher darüber hinweggehen. Ein Buch zu besprechen, welches soviel gebündelte Aufmerksamkeit bekommt, ist nie einfach, zumal, wenn es im Vorhinein schon soviele Meinungen gibt, Lobeshymnen, Verisse. Was das Buch für mich definitiv geschafft hat, ist, mich über Tage und in einigen Gesprächen dazu zu bringen, einen Klassiker ganz neu zu betrachten, mich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen. “Wer die Nachtigall stört” ist durch dieses Buch vielschichtiger geworden, es hat eine ganz neue Ebene dazugewonnen. Es wird kein Lieblingsbuch werden, wie “Wer die Nachtigall stört“. Aber es hat mich umgetrieben und beschäftigt, ohne dass ich dabei von der Schwere der Thematik beim Lesen erdrückt wurde – wie Literatur es im besten Falle immer tun sollte!

2 Gedanken zu „Gehe hin, stelle einen Wächter – Harper Lee“

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