Fotzenfenderschweine – Almut Klotz

Dies ist ein Buch über Liebe. Über Liebe, für die hart geackert wird. Die nicht einfach ist und kein Hollywoodklischee bedient. In der endlose Nächte lang gestritten wird, in der die Unterschiede oft stärker klingen als die Gemeinsamkeiten. Das klingt nicht nach Liebe, sagt ihr? Oh doch – und es beeindruckt mich um vielfaches mehr. Mit Wucht bekommen wir ungeschönte Szenen serviert, um gleich darauf wieder eine kleine Zärtlichkeit zwischen den Zeilen zu spüren. Gerade dieser so ehrliche und unverstellte Blick auf ihr Leben, ihre Beziehung mit Rev. Christian Dabeler und ihren künstlerischen Werdegang ist es, der mich das Buch in einem Zug durchlesen lässt.

Es ist ein Fragment, ein Text der nicht fertiggestellt werden konnte, aufgrund des Todes von Almut Klotz im August 2013. Dem Verbrecher Verlag gebührt großer Respekt dafür, dass er diesen Text, dessen Veröffentlichung der unbedingte Wunsch der Autorin war, nicht verändert hat, auch nicht die Stellen, in denen sie selbst auch mal nicht gut abschneiden. Und der Titel? sehe ich noch ein Fragezeichen in euren Augen aufleuchten. Der ist großartig. Wer dieses Buch liest (und dazu rate ich euch dringend) wird verstehen, warum.

 

 

Freddie Mercury – Ein Leben in eigenen Worten

“Man muss da rausgehen und ihnen alles in den Rachen stopfen und sagen: “Hier bin ich! Ich bin kreativ! Ich bin wunderbar! Hier, fresst es!” Das muss man tun. Wenn es noch andere Möglichkeiten gibt, dann sagt’s mir bitte.

Eine meiner frühesten Erinnerungen an Queen ist, wie mein Vater “We will rock you” ganz laut aufdreht und meine Geschwister und ich wie die Verrückten auf dem Bett herumhüpfen. Mein Vater übersetzte den Liedtext für uns damals mit “Wir wollen schaukeln” – eine schöne Interpretation für so kleine Knirpse wie uns.

Ich kenne sicherlich nicht alles von Queen. Mein liebstes Album (vor allem, weil es eines der ersten war, die ich überhaupt besaß) wird wohl immer “Made in Heaven” bleiben. Einige Songs mag ich überhaupt nicht. Manches berühmte Stück geht nicht an mich, andere kann ich dafür auswendig. Queen-Fan? Ja, das bin ich. Aber noch viel mehr verehre ich Freddie Mercury. 413192_4266151822630_1616722876_o

Was dieser Mann sich auf der Bühne getraut hat, was er provoziert und mit den Erwartungen gespielt hat! Was er angestoßen hat an musikalischen Entwicklungen. Ein Selbstbewusstsein, eine Vision die ihn und seine Bandkollegen antrieb. Mich hat dieser Glamour und sein kompromissloses künstlerisches Dasein seit Jahren immer wieder fasziniert. Hier sah ich jemanden, der Kunst machen wollte, nach seinen Regeln – und das mehr als erfolgreich tat, entgegen aller üblichen Konventionen. Dass er bei all dieser Kreativität aber auch eine wichtige Sache über das Musikbusiness zu 100% verinnerlicht hatte, zeigt dieses Zitat:

“Man muss dafür sorgen, dass man entdeckt wird. Ein Teil des Talents besteht darin, dass man mit seiner Musik die Menschen erreicht. Man kann nicht einfach nur ein wunderbarer Musiker und ein herausragender Songwriter sein – von denen gibt es viele. Man muss lernen, sich selbst zu vermarkten, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, und von Anfang an lernen, wie man sich um seine Geschäfte kümmert. […] Man muss ein instinktives Bewusstsein für alle Dinge entwickeln, die zum Erfolg beitragen können.

Die Besonderheit dieses Sachbuchs liegt darin, dass es komplett aus Äußerungen und Interviewaussagen von Freddie Mercury besteht. Ein wenig thematisch zusammengefasst findet sich hier nur “O-Ton“. Was für eine spannende Art, einen Ausnahmekünstler kennenzulernen, Aussagen über Jahre hinweg zu verfolgen, seine Entwicklung, seine Sicht der Dinge.

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“Grundsätzlich schreibe ich nichts wirklich Neues; ich sitze nicht hier und will sagen: “Schaut her, ich habe einen Song geschrieben, den noch nie jemand vor mir geschrieben hat!” Nein. Aber ich tue es von meiner Warte aus.

Ich jedenfalls muss jetzt erstmal diese wunderbare Aufnahme “Queen Live at Wembley Stadium 1986” noch ein paarmal in Dauerschleife laufen lassen und danach mal wieder in meine absoluten Lieblingssongs reinhören ( I was born to love you, Too much love will kill you, The Show must go on, A Winter’s Tale, Fat Bottomed Girls, Spread Your Wings, Who wants to live forever). Freddie Mercury wird für mich immer ein Vorbild sein, jemand, der hart für seinen Erfolg gearbeitet hat und Kreativität, Leidenschaft und eine Fähigkeit, seine Kunst in die Welt zu bringen, in sich vereint. Dem nochmals in so konzentrierter Buchform nachzugehen – ein Genuß!

 

.Neustart – Stephan Urbach (inkl. Interview)

An der Kasse unseres Buchladens liegt Stephans Buch .Neustart. Letzte Woche fragte mich eine Kundin, worum es eigentlich in dem Buch ginge. Ich halte kurz inne, es ist eine interessante Frage. Es geht um einen Menschen, der sein eigenes Ding macht, allen Umständen zum Trotz. Ein Mensch, der immer ein wenig anders war, als die anderen – ein Gefühl, was ich selbst zur Genüge kenne.

In einem Moment, wo andere Hilfe brauchen, einfach zu handeln – wie viele von uns können das von sich sagen? Stephan hat seine Talente im Netz, seine Kontakte und Ideen in der Netzaktivistengruppe “Telecomix” eingesetzt, um Menschen in Kriegssituationen, in Not und unter widrigsten Bedingungen eine Stimme zu geben und ihnen weiter Meinungsfreiheit zu ermöglichen. Er hat dafür sehr viel gegeben, sein eigenes Leben darüber vergessen, seine Gesundheit gefährdet und am Ende sich selbst.

Mich hat sein Buch so beeindruckt, wie es dieses Jahr kaum ein anderes geschafft hat. Warum? Weil Stephan da, wo andere noch diskutierten, geholfen hat. Und weil er rechtzeitig noch die Notbremse ziehen konnte, denn sonst würde dieses Buch nicht existieren. Er erzählt sehr offen von einer Zeit in seinem Leben, die sich die meisten von uns wohl kaum vorstellen können. Er schafft ein Bewußtsein dafür, was möglich sein kann, was wichtig ist, in der heutigen Welt.  Mund aufmachen, mitmischen, helfen, sich beteiligen. Und doch sagt er auch: Wir müssen auf uns selbst aufpassen. Er spricht offen über Depressionen und ihre Folgen. “Take care” möchte man ihm nach der Lektüre zurufen. Und “Danke”, dafür, dass er den Mut hatte, dieses sehr persönliche Buch zu schreiben.

Meine Kundin steht noch vor mir, nachdem ich diese kleine Rede gehalten habe. In der Hand hat sie Stephans Buch. “Gekauft – das hat mich überzeugt!” sagt sie. Mich auch, denke ich, mehr als überzeugt.

Interview mit Stephan Urbach

Lieber Stephan, schön, dass Du Dir die Zeit nimmst, ein paar Fragen zu beantworten. .Neustart ist ein sehr persönliches Buch. Was war für Dich der ausschlagende Punkt, dieses Buch zu schreiben?

Ich könnte jetzt was darüber erzählen, wie wichtig mir das alles ist und das ich diesem inneren Drang gefolgt bin, unbedingt meine Geschichte aufschreiben zu müssen… aber das wäre halt gelogen. In der Tat war das alles viel banaler: Ich lag mit einer gehörigen Portion Schmerzmittel im Krankenhaaus – ein Bandscheibenvorfall hatte mich dahingerafft – und las meine Emails und der Verlag fragte mich, ob ich nicht ein Buch schreiben wolle. Ich hab im Schmerzmittelrausch dann halt ja gesagt. (Die Blöße, dann doch noch abzusagen wollte ich mir dann nämlich auch nicht geben)

Wenn Du einen Tag lang mit uns Buchhändler*innen tauschen könntest – welches Buch würdest Du allen empfehlen?

Da gibt es nicht nur eines, es ist ein riesen Haufen. Aber wenn ich dann nur eines darf, dann ist es wohl “Ihr sollt die Wahrheit erben” von Anita Lasker-Wallfisch. Wenn das einer Kund*in zu schwer ist, kann ich ihr:m immer noch Sibylle Berg empfehlen – und zwar “Ende gut”.

Wenn Du nachts nicht schlafen kannst – was geht Dir meistens im Kopf herum?

Wenn ich nicht schlafen kann zermatere ich mir das Hirn über das, was am nächsten Tag zu tun ist. Nach ein bis zwei Stunden fällt mir dann auf, dass ich es auch einfach erledigen kann und schwupp, sind die Emails geschrieben und das Meiste erledigt – morgens um 3 und ab 4 sitze ich dann Serien schauend mit Eiscreme und Kaffee auf der Couch. Living the life, ich sags dir!


Was wäre für Dich der perfekte Tag?

Das ist gar nicht so leicht – das kommt ganz auf meine Stimmung an. Meistens hat es aber etwas mit Kaffee und Serien zu tun. Mein guilty pleasure ist, dass ich “Teenie”-Serien liebe und unheimlich viel Trash TV schaue und mich dabei diebisch amüsieren kann, so lange ich dabei Kaffee, Kippen und Eis habe (und natürlich ist der Twitterclient offen und nebenher wird noch gechattet – dafür hat uns die Schöpfung ja mehrere Monitore gegeben). An Tagen mit anderer Stimmung stehe ich total gerne auf, setze mich an den Rechner, rauche und trinke Kaffee und wurschtel vor mir hin, bis ich dann World of Warcraft starte und nach 20 Mintue nen rage-quit hinlege, weil ich mich über mein eigenes Unvermögen aufrege. Das ist dann der Augenblick, an dem ich anfange, zynisch das Weltgeschehen zu kommentieren und wild in eines meiner Blogs schreibe. Mein Kommentarmoderationsteam hat da immer ein wenig Angst vor.


Gibt es einen Spruch, den Du gerne als Ratschlag weitergibst? 

Kind, werd was anständiges und werd Wandermusikant. Mach ja nix mit Bank oder Versicherung. Zur Not werd halt Schriftsteller. Aber dann auch anständig.

Lieber Stephan, Danke für das Interview – ich freue mich sehr auf deine Lesung aus .Neustart!

Gerne doch. Ich freu mich auch (und bin total nervös!)

Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid auf .Neustart, könnt ihr hier auf pinkfisch.net eine signierte Ausgabe gewinnen. Schreibt mir in die Kommentare, warum Ihr das Buch gerne lesen möchtet. Am 11. Oktober lose ich unter allen Einsendungen eine/n Gewinner*in aus! Good Luck!

 

Titelbild: Michael Horn

 

 

Glanz und Schatten: Truman Capote und Harper Lee – eine Freundschaft – Alexandra Lavizzari

In den letzten Wochen kommt man an Harper Lee ja kaum noch vorbei, so groß ist die Aufregung über ihren zweiten (oder eher – ersten) Roman, der nun erstmals erscheint. Für jemanden wie mich, der “Wer die Nachtigall stört” zu einem der wichtigsten Bücher zählt, was ich je gelesen habe, war nun der richtige Zeitpunkt, Harper Lee ein wenig besser kennenzulernen. Dieses Buch nähert sich Capote und Lee über ihre gemeinsame Zeit und Freundschaft her an. Es las sich unheimlich spannend und interessant, man tauchte ein in die damalige Zeit und ich war fasziniert davon, wie unterschiedlich beide sich entwickelten. Eine inspirierende Lektüre, wegen der ich wohl bald ein Buch aus dem Regal ziehen werde, was ich noch nicht kenne “Kaltblütig” von Truman Capote!

Starnitz – Reinhard Staubach

Das Glück zu haben, die eigene Familiengeschichte lesen zu dürfen, Verwandte zu haben, die eine große Reise in die Vergangenheit machen. Dieses Glück habe ich und dieses Buch meinem Onkel zu verdanken. Dass ich so “mitreisen” konnte, in die Orte seiner Kindheit (und der meiner Mutter und Großmutter), die Häuser sehen konnte, aus denen sie vetrieben wurden, ihre Flucht nachvollziehen konnte und ihr Leben in diesen schweren Zeiten – das rührt mich an, wie es wohl kaum ein Bestseller je könnte. Was für ein Schatz zwischen den Buchseiten. Danke!

Sag nicht, dass Du Angst hast – Giuseppe Catozzella

Eine tragische Geschichte einer jungen Sportlerin, die leider auf wahren Begebenheiten fußt. Eine ganz andere Welt, hinter dem Olympiareigen und der Show werden junge Menschen sichtbar, für die der Sport oft die einzige Möglichkeit ist, ihre Lebensbedingungen zu verändern. Ein bisschen schwierig ist es immer, eine Geschichte, die journalistisch recherchiert wurde, in dieser romanhaften Art zu lesen, das wird wohl nie ganz meines werden.

Murakami und die Melodie des Lebens – Jay Rubin

Wer Haruki Murakami liebt, muss dieses Buch lesen, welches leider nur noch antiquarisch zu erwerben ist. Eine solche Fülle an Hintergrund zum Werk Murakamis, dabei in engener Zusammenarbeit mit dem Autor. Es hat nichts voyeuristisches, es ist wie eine neue Brücke, die Jay Rubin (einer seiner amerikanischen Übersetzer) uns zu seinem Werk schlägt. Zusammenhänge werden klarer, das Schaffen Murakamis bis 2004 wird begleitet. Ein sehr, sehr lesenswertes Buch, nach dessen Lektüre ich am allerliebsten jedes einzelne Buch von Murakami nochmal lesen wollte!

Noch ein Glück – Trude Simonsohn & Elisabeth Abendroth

Es gibt Bücher, bei denen ist man zum Schluss hin einfach froh, dass sie einen gefunden haben. Dieses habe ich von einer sehr lieben Freundin geschenkt bekommen, deren literarische Meinung ich hoch schätze. Und auch hier hat sie wieder einen Treffer gelandet – denn das Buch ist, abgesehen davon, dass Elisabeth Abendroth es in eine sehr ansprechende Form gegossen hat, ein wichtiges, verdammt wichtiges Buch. Ich ziehe meinen Hut vor einer Frau, die trotz des Schreckens und den Schmerzen, die ihre Erinnerungen bei jedem Erzählen verursachen müssen, so mutig ist zu sagen: Das muss erzählt werden. Das darf nicht vergessen werden! Wenn ich so etwas lese, dann verschieben sich Prioritäten, dann kann ich mir nur wünschen, dass ich auch so aufrecht, kämpferisch und stark gewesen wäre. Manchmal sind die Bücher, die einem im Gedächtnis bleiben nur ganz dünn, ihre Reichweite aber umso größer, ihr Umfang in meinem Herzen und meinem Kopf unendlich weit. Danke für ihren Mut und ihre Taten, Frau Simonsohn!

Der Passfälscher – Cioma Schönhaus

Dr Untertitel lautet: Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte. Viel passender kann man es kaum beschreiben. Denn die Geschichte ist wirklich unglaublich, die Situation mehr als einmal brenzlig, und lange nicht alle Menschen um den jüdischen Grafiker herum schaffen es wie er, unerkannt zu bleiben. Cioma Schönhaus hatte Schneid (und manchmal ein Gottvertrauen, welches fast schon Leichtsinn grenzte) und hat vielen Menschen durch sein Passfälschen das Leben gerettet. Das Buch lebt durch seine Geschichte, es ist sprachlich und erzähltechnisch nicht wahnsinnig ausgefeilt – allerdings gibt es Themen, bei denen so etwas in den Hintergrund tritt – und auch treten darf. Hier zählt die Stimme eines Überlebenden mehr.

Ich bin so Fry – Stephen Fry

Und weiter geht es mit der Biographie des Stephen Fry – hier werden nun seine College-Jahre und alles was danach folgt, Theater, Comedy, Radio, schriftstellerische Tätigkeiten geschildert. Fry ist recht gnadenlos mit sich selbst und im Verlaufe des Buches habe ich den Eindruck das er sich wirklich nicht gerade schont und versucht einen möglichst ungeschönten Einblick zu geben. Dieser zweite Teil seiner Biographie zog sich etwas mehr als der erste, was aber vorallem daran lag das ich die Medienlandschaft Großbritanniens zu dieser Zeit nicht besonders gut kenne und daher manchmal etwas erschlagen war von den ganzen Namen und Interna. Trotzdem – für jeden Stephen Fry Fan, für jeden Fan von feinem, britischen Humor und alle die schon immer mal wissen wollten wie Stephen Fry und Hugh Laurie Freunde wurden.