Nachtlesung in der Krypta mit Nadja Küchenmeister

Manchmal veredelt der Ort, an dem eine Lesung stattfindet, die gesprochenen Worte. Als wir in die Krypta des Grossmünsters in Zürich kommen, ist es noch hell und wir nehmen den Raum in Augenschein. Karg, zurückhaltend, die Mauern könnten viele Geschichten erzählen, würden sie sprechen können. So bleibt nur eine Ahnung, ein Flüstern. Das Licht erlischt, es wird dunkel, geradezu andachtsvoll. Kerzenlicht erhellt den Raum nur leicht, flackernde Schatten an den Wänden.

Und dann – liest Nadja Küchenmeister und sie hat mich schon nach dem ersten Gedicht für sich eingenommen. Unaufgeregt und doch mit einer Ernsthaftigkeit, die tief geht, trägt sie ihre Gedichte vor, findet den roten Faden mit uns gemeinsam. Ihre Darbietung wird von der Sängerin und Gitarristin Nadja Zela begleitet – beide gehen ganz in ihrer Kunst auf. Die Mischung ist reizvoll und ergänzt sich gut, musikalische und sprachliche Melodie treffen sich auf ein Stelldichein.

Nachtlesung-Nadja-Küchenmeister

Es herrscht gespannte Stille im Publikum, während ihre Gedichte in den Raum hineinschweben. Während sie erzählt und ein Gedicht nach dem anderen die Seiten verlässt und vor uns neu entsteht. Ich blicke nach rechts und nach links. Manche haben die Augen geschlossen. Andere blicken auf einen Punkt, weit entfernt von diesem Raum. Wieder denke ich: Lyrik. Was für ein Wunderwerk. Dass wir, in einer kurzen Betrachtung, sovieles finden. Dass wir ein Gedicht, mit zwanzig, dreißig, fünfzig hören – und es jedesmal anders tönt. Am Ende des Abends werden rund vierzig Menschen die Krypta verlassen, jeder in seinen Gedanken gefangen. Bei jedem wird eine andere Saite zum Klingen gebracht worden sein. Das ist es, was eine Lyriklesung unvergleichlich macht.

Wer mehr von Nadja Küchenmeister lesen möchte, dem seien “Unter dem Wachholder” und “Alle Lichter” empfohlen – beide Bände erschienen bei Schöffling & Co.   Ein wenig mehr zu ihrem Schaffen und ihrer Person gibt es in diesem Interview zu lesen – und wer lieber hört, dem sei dieses kleine Feature von WDR2 empfohlen.


Diese Lesung habe ich im Rahmen von Zürich liest besucht. Wer mehr zu diesem Festival erfahren möchte, findet ganz viele Infos, Tweets und Erfahrungsberichte unter dem Hashtag #zl16

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Ein neuer Pfad zum Wasserfall – Raymond Carver

Dieser Gedichtband hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht und ja, er hat mich berührt, mehr, als ich das im Vorhinein gedacht hätte.

Carver schrieb diese Gedichte in dem Wissen, dass er sehr krank war und seine Ärzte ihm nur noch etwa ein Jahr zu leben gaben. Als ich die Einleitung seines Übersetzers Helmut Frielinghaus las, erwartete mich die erste Überraschung, denn dieser hatte sich nicht nur intensiv mit Carvers Werk auseinandergesetzt, sondern teilte Carvers Erleben, denn auch er war schwer krank und verstarb im Januar 2012. Die Übersetzung von Carvers Gedichten war das letzte, woran er gearbeitet hatte.

Die nächste Besonderheit besteht im Aufbau. Carver und seine zweite Frau Tess, die den Band mit ihm gemeinsam zusammenstellte, stellten seinen eigenen Gedichten Werke anderer Autoren, allen voran Tschechow, aber auch Tranströmer und Milosz, an die Seite. Die Inspiration dazu fand Carver bei Czeslaw Milosz. Das hat einen ganz eigenen Reiz, weil die Gedichte auf eigentümliche Weise oft ineinanderzugreifen scheinen und der Leser/die Leserin eigene Entdeckungen macht. Carver las viel in seinem letzten Jahr und die ausgewählten Gedichte und Versatzstücke anderer in einem Guß mit seinen Worten lesen zu können, das hat etwas sehr Intimes. Es ermöglicht uns eine Art zweiten Blick auf seine Gefühlswelt und den Stellenwert von Literatur in seinem Leben.

Seine Gedichte berühren mich, sie lassen mich still werden und ich versinke in den Worten. Es sind kleine Geschichten, kurze Schlaglichter, sie erzählen von Momenten, in denen sich das Leben verändert, sie handeln von Trauer, Verlust aber auch von Zufriedenheit, von Lebenslust und der Liebe. Und sie handeln von Abschied und mehr als einmal muss ich ein paar Tränen wegwischen. Wegen Gedichten wie “Spätes Fragment“.

Spätes Fragment
Und – hast Du bekommen, was
Du haben wolltest von diesem Leben, trotz allem?
Ja, hab ich.
Und was wolltest Du?
Sagen können, dass ich geliebt werde, mich geliebt
fühlen auf dieser Erde.

Die letzte Überraschung liegt in dem liebevollen Nachwort, dass seine Frau Tess diesem Band hinzufügte. Sie schreibt über die letzten Monate mit ihrem Mann, sie beschreibt das Entstehen von einigen Gedichten und die Geschichten dahinter. Das Nachwort ist ungeheuer packend und spannend, ich habe es gleich mehrfach gelesen. Was für ein Geschenk, dieses nochmalige Vertiefen in Carvers Schaffen.

Was bleibt zu sagen? Alles, was ich bisher von Carver gelesen habe, hat mich beeindruckt, ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Ich darf mich glücklich schätzen, einiges noch nicht zu kennen, denn so bleibt immer noch etwas, auf das ich mich freuen darf.

[Zitat aus "Ein neuer Pfad zum Wasserfall" von Raymond Carver, S. 128, S. Fischer Verlag, Fischer Klassik, erscheinen 2013]

 

Du bellst vor dem falschen Baum – Judith Holofernes

Was muss man über meine Anfänge mit Judith Holofernes wissen? Das erste und einzige Festival meines Lebens, beinhaltete einen Auftritt von Wir sind Helden. Unvergessen, wie diese vier Menschen trotz Regen und Unwägbarkeiten die Bühne rockten – eine Erinnerung, die auch rund ein Jahrzehnt später für mich unvergessen bleibt. Ihre CDs habe ich allesamt verehrt, sei es die Musik, seien es die Texte – sie haben mich durch alles begleitet, waren in Dauerschleife in meinem ersten Auto zu hören, haben Lieben und Trennungen begleitet und man kann wohl sagen, dass ich ein wenig mit den Helden erwachsen geworden bin.       20160103_194135

Vor Jahren habe ich mit Freude ihren Tourbericht gelesen und als sich die Band auflöste war ich zwar traurig, gleichzeitig aber auch dankbar dafür, dass ich solange in den Genuß kam – schließlich hatte ich noch immer die CDs und immensen Respekt vor Künstlern, die sich auch trauen, irgendwann zu sagen: Das war schön! Macht es jut!

 

Man kann sich vorstellen, dass ich vor Freude juchzte, als ich entdeckte, dass es ein weiteres Buch geben würde, aus der Feder von Judith Holofernes. Sofort hatte ich es für eine Freundin als Geschenk bestellt und wartete auch selbst darauf. Wie das Leben manchmal so spielt und man jemanden kennt, der jemanden kennt, erreichte mich dann ein liebevoll signiertes Exemplar, was im Regal einen Ehrenplatz erhielt.

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Bevor ich diesen Leseeindruck schrieb, habe ich einige andere Rezensionen gelesen. Und darunter auch einige gefunden, die dem Buch eine ganz schön negative Breitseite verpassten. Jedem seine Meinung, es bleibt ja alles Geschmackssache. Und doch fragte ich mich: Haben diese Rezensenten das Buch verstanden?

Ich habe es mit Begeisterung gelesen, immer wieder herausgeholt. Hier wird mit Sprache gespielt und wenn ich mich dafür nicht begeistern könnte, wäre ich wohl kaum Buchhändlerin geworden. Schon zu Heldenzeiten haben mich die Texte begeistert, gerade die, die sich nicht sofort erschlossen, die meinen Gedanken die Chance gaben, sich auf verschlungene Pfade zu begeben. Die Gedichte von Judith Holofernes zergehen einem auf der Zunge. Lest sie laut vor, lest sie euren Kindern vor und euch selbst. Schmeckt die Worte, genießt das Wortspiel, den Spaß an kleinen Verrücktheiten und daran Sprache sinnlich zu erleben.

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Es ist ein Gedichtband, dessen Illustrationen von Vanessa Karré ebenfalls dazu einladen, sich in einem Gedankendschungel zu verlieren. Was haben einige Kritiker davon erwartet, dass sie sich so enttäuscht fühlten? Ich begreife dieses Buch als eigenwillige Kunst, denn so ist mein Gefühl beim Lesen. Ich verharre, ich spreche, zische, trillere die Verse. Ich verweile bei einem Gedicht länger als bei einem anderen, bin in einem Museum der Tiere unterwegs, welches mich herausfordert und zum Lachen bringt, wo jemand den Mut hat, sich auszudrücken und seine Kunst zu leben.

Was kann ich von einem Buch und der Kunst mehr wollen? Danke dafür!

Mein lieber Fisch – Arezu Weitholz

Mal keine Belletristik, sondern Lyrik –  in einem sehr niedlichen Format gestaltet in unaufdringlicher, schlichter Schönheit – kleine, feine Fischgedichte. Und die sind so charmant, witzig und anders, das man dieses Buch nicht nur jedem Lyrikfreund, nein auch jedem Aquariumsbesitzer…Sammler von Kuriositäten…der netten Patentante…dem Kollegen…eigentlich…also…ALLEN schenken kann und sollte. Weil jeder von uns ein bisschen Fisch braucht. Und gerne schmunzelt – und das kann man bei diesem Bändchen eigentlich ununterbrochen.

Liebesgedichte РMascha Kal̩ko

Ich muss zu dieser Frau eigentlich nichts sagen, außer das sie eine meiner liebsten Lyrikerinnen überhaupt ist. Sie ist absolut wunderbar, traurig, melanchonisch, trotzig, herzlich, realistisch, verträumt und so tief. Dieser wundervolle Gedichtband lohnt sich jede Seite! Ich zitiere hier einfach mal eines meiner liebsten Gedichte von ihr…

Für Einen
Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: Kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern…das ist Wellenspiel.
Du aber bist der Hafen.

(Mascha Kaléko, 1912-1975)