Haruki Murakami und ich

Die Beziehung, die Murakami und ich nun schon seit über einem Jahrzehnt führen, mag ein wenig seltsam anmuten, ja, geradezu einseitig. Ich habe fast alles von ihm gelesen, jedes Interview verfolgt, seine Bücher in mehreren Sprachen gekauft, sogar im japanischen Original. Er hingegen ahnt nicht einmal, dass es mich gibt. Und doch ist es eine der längsten und wichtigsten Beziehungen in meinem Leben. Und ganz so einseitig, wie es sich zunächst anhört, ist es vielleicht dann doch nicht.

In seinem neuen Essay-Band “Von Beruf Schriftsteller” gewährt Haruki Murakami uns in seiner bescheidenen und sehr zurückhaltenden Art einen Einblick in sein Schaffen. Eitelkeit liegt ihm fern, im Gegenteil, er ist demütig und bleibt immer realistisch in seiner eigenen Einschätzung. Er setzt sich besonnen und unaufgeregt mit Fragen auseinander, die ihm im Verlauf seiner schriftstellerischen Tätigkeit immer wieder gestellt wurden. Es geht um die Entwicklung seiner Figuren oder seine Einstellung dazu, wie Sport und körperliche Fitness für ihn die Grundlage für geistigen Tätigkeiten bilden. Er schreibt über Originalität, wie sich der künstlerische Prozeß für ihn selbst gestaltet und wie er dazu kam, sich überhaupt dem Schreiben zuzuwenden.

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An mehr als nur einer Stelle des Buches habe ich das Gefühl, dass diese Sätze nur für mich und für mich ganz allein dort stehen. Er schafft es, über all diese Kilometer hinweg eine Verbindung zu mir, seiner Leserin herzustellen, einen Moment, in dem ich die Worte und Sätze wieder und wieder lese um sie mir am Ende laut vorzulesen und das Gefühl zu haben als wäre es ein einziger, langer Brief an mich persönlich. Haruki Murakami ist 30 Jahre alt, als er seinen ersten Roman schreibt. Vielleicht kann er gerade deshalb dieses Jahr, in dem ich selbst 30 Jahre alt bin und mich künstlerisch ausprobiere, bei mir besonders Eindruck hinterlassen.

“Dennoch verspüren wir den Wunsch, uns auszudrücken, und erkennen dabei unvermutet unser eigenes Wesen”. (S.78)

Damit wären wir wieder bei der Beziehung angekommen. Murakamis Bücher begleiten mich, jedes hat seine Geschichte. Viele haben mich innehalten lassen, haben mir Mut gemacht, die Figuren gehören zu meinem Leben. Einige Zitate aus seinen Büchern sind Mantras geworden, Leitsprüche.

Ich habe bei den letzten Seiten der wilden Schafsjagd geweint, ich habe unzählige Male die “Sandsturm“-Stelle bei Kafka am Strand gelesen und zitiert, ich habe mich in Naoko verliebt und die Sinfonietta von Janacek aus 1Q84 gehört. Ich habe einen Blick auf das 100% Mädchen geworfen, bin neben Murakami-Sama die Marathonstrecken gelaufen, habe Spaghetti gekocht und in gedanklichen Brunnen gesessen.

Was für ein Geschenk ist es, jemanden zu bewundern und festzustellen, dass die Einstellung desjenigen zu Kunst und Literatur der eigenen ähnelt. Es ist, als würde ein Freund zur gleichen Zeit nach deiner Hand greifen, in der Du deine Hand nach ihm ausstreckst. Ein Mensch braucht hin und wieder Gleichklang, er braucht das Gefühl, dass ihn jemand versteht.

“Die Basis für alle Künstler muss immer eine überschäumende, spontane Freude sein” (S.77)

Wenn Murakami ein Buch herausbringt, dann ist das wie eine Verabredung für mich, etwas ganz Besonderes. Deswegen reiche ich schon seit Jahren für ein neues Werk Urlaub ein, um mich ganz diesem Ereignis widmen zu können. Er schreibt in diesem Buch von seinen Lesern: “Ich habe erstklassige Leser, wenn ich das selbst einmal so sagen darf” (S. 201). Diese Wertschätzung, die viele Arbeit, die er wieder und wieder für seine Leser*innen investiert, ist für mich in jedem seiner Bücher zu spüren.

Murakami-Sama, ich freue mich auf die nächsten Jahre mit Ihnen.

In tiefer Freundschaft,

Ihre Pinkfisch

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Tsubaki * Tsubame * Wasurenagusa – Aki Shimazaki

Es ist quasi unmöglich, diese drei wahrlich kunstvoll aufgemachten Bände aus dem Kunstmann Verlag einzeln zu besprechen. Lose gehören sie zusammen, sicherlich kann man sie auch einzeln genießen, aber dieses besondere Gefühl, alle drei hintereinander zu lesen und dabei ganz tief in ihre Welt einzutauchen, das möchte ich jedem nur ans Herz legen. Was für eine zarte Sprache, die in wenigen Worten von Dramen und Leid spricht und so viel stärker wirkt, als Fluten von Sätzen es könnten. Was für eine Stille legt sich auf uns, wenn wir diese Bücher zur Hand nehmen, mit ihnen leiden und die Geschichte eines Landes und weniger Menschen uns gleichzeitig berührt und nachdenklich werden lässt.

Kafka am Strand oder eine Hommage an Haruki Murakami

Es gibt Bücher, die begleiten den Leser ein Leben lang. Es gibt das Buch, was man auf die vielzitierte, einsame Insel mitnehmen würde. Es gibt das Buch, welches man aus dem brennenden Haus retten würde, was man in schweren Stunden zur Hand nimmt, um Trost in ihm zu finden. Es gibt das Buch, das man versonnen lächelnd im Regal stehen sieht und sich daran erinnert, wie es war, es das allererste Mal zu lesen. Der kleinste Knick im Umschlag fühlt sich vertraut an. Viele Menschen werden darüber schmunzeln – all das, in einem einzigen Buch? Es erstaunt mich selbst, aber nach 10 Jahren mit diesem Buch an meiner Seite kann ich nur glücklich nicken.

Wie oft habe ich, gefragt nach meinem Lieblingsautor und seinen Werken, Kunden auf unser Sofa hingewiesen, ihnen “Kafka am Strand” in die Hände gelegt und gesagt: “Fangen Sie an zu lesen – lesen Sie die Szene mit dem Sandsturm”. Und oft genug begann für jemanden so eine weitere, ja geradezu stürmische Begegnung mit diesem Ausnahmeautor. Wieviele Male ich selbst mittlerweile die Sandsturm-Szene gelesen, zitiert, abgeschrieben oder vorgelesen habe – ich kann es nicht beziffern und werde es wohl noch viele Male wieder tun.

Warum ist dieses Buch mein Lebensbegleiter? Weil es eine Geschichte erzählt, die soviel mehr ist, als nur eine Geschichte. Weil es Abenteuerroman, Adoleszenzerfahrung, tragische Liebesgeschichte und Weisheit in einem ist. Ich werde herausgefordert, zwischen den Zeilen entdecke ich bei jedem Lesen neue Facetten und Fragen und über all dem liegt der stille und doch so faszinierende Zauber dieses japanischen Autors.

Und wenn Sie jetzt neugierig geworden sind – nehmen Sie diesen Roman beim nächsten Buchladen-Besuch in die Hand, setzen Sie sich aufs Sofa und lassen Sie sich von Haruki Murakami und seinem sprachgewaltigen Sandsturm davontragen. Sie kommen durch diesen Sandsturm, versprochen.

 

(dieser Text erschien im Hanauer Kanon der Literatur, Hrsg. Dieter Dausien, 2014)

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 – Haruki Murakami

Und nun war sie endlich gekommen, die Stille und innere Ruhe, Murakamis erste beiden Romane zu lesen. Was für ein vertrautes Gefühl, ein Entdecken späterer Fährten, ein Aufseufzen von Wohligkeit in mir. Wie kann man es beschreiben, wenn der Autor, den Du seit Jahren verehrst, der bei Dir Gefühle hervorbringt wie kein anderer Autor das schafft, endlich seine Zustimmung gibt, für die Übersetzung seiner ersten beiden Romane? Zu sagen, dass ich das gefeiert habe, wäre noch weit untertrieben. Für mich war es wie eine kleine Expedition, in diese erste, schriftlich festgehaltene Gedankenwelt Murakamis, auf deren Fundamenten später weitere Romane fußten. Murakami-San, vielen Dank für dieses Erlebnis!

Von Männern, die keine Frauen haben – Haruki Murakami

Es reicht eigentlich völlig aus, wenn ich mich wiederhole und sage: Urlaub. Zeit. Ruhe. Murakami und ich, in einem Zimmer, eintauchen in seine Kurzgeschichten. Sie haben sich über die Jahre verändert, aber nicht zum Negativen. Sie sind dichter geworden, er probiert auch ein wenig mehr aus, geht neue Wege. Und doch sind diese Geschichten wie das Treffen von alten Bekannten. Ich bin verzaubert. Verliebt. Das wird sich nicht mehr ändern, in diesem Leben.

Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln – Christoph Peters

Ein ruhiges, sehr zartes Buch. Wer wie ich die japanische Langsamkeit mag, die Ruhe und die Rituale, der ist mit diesem Buch sehr gut bedient. Christoph Peters dürfte ich einmal nach einer Lesung kennenlernen und er erzählte von seinen Recherchen und seinem großen Interesse für Japan, weshalb klar war – das Buch muss ich lesen! Der Kulturclash zwischen dem japanischen Ofenbauer und der doch eher rustikalen Dorfgemeinschaft hat seine Schmunzelmomente, vorallem gefällt mir aber die absolute Konzentration auf das seltene Thema.

Wovon wir träumten – Julie Otsuka

Dieser Roman hebt sich von der Masse ab, denn er hat nicht einen oder mehrere Erzähler, er hat ganz viele. Die unterschiedlichsten Stimmen japanischer Frauen erzählen, teilweise nur in einem Satz, bevor eine andere den Faden aufnimmt, von ihrer Ankunft in den USA, in den zwanziger Jahren, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dass sich ihre Vorstellungen mit der Realität nicht decken, das müssen sie alle feststellen. Gerade durch diesen seltenen Erzählstil kommt das Buch sehr eindringlich daher, wie ein Chor der Erlebnisse, dem man gerne lauscht.

Der Elefant verschwindet – Haruki Murakami

Ein Buch mit Geschichte: vor vielen Jahren verliehen und nie zurückbekommen. Immer die leere Stelle neben seinen Artgenossen bedauert. Jetzt ist es durch einen schönen Zufall als Geschenk wieder in mein Regal zurückgekehrt und musste daher gleich nochmal gelesen werden (wieder genauso schön, schräg und verzaubernd wie damals!). Und noch einen Sonderstatus hat es jetzt: Buch 100 im Lesejahr 2014!

Hello Kitty: Ein Phänomen erobert die Welt – Andreas Neuenkirchen

Es dürfte kein großes Geheimnis sein, dass Hello Kitty in meinem Universum eine gewisse Rolle spielt Ein ganzes Buch über die japanische Katze – das musste natürlich gelesen werden. Und ich finde, es wird der stets gutgelaunten Katze gerecht – denn es beschränkt sich nicht darauf, einzelne Fakten herunterzurattern, es blickt hinter die Kulissen, auf die Entstehung und Entwicklung dieser Figur und ihren weltweiten Erfolg. Noch dazu von einem Mann verfasst, der Hello Kitty mit einem gewissen Forscherdrang aber auch Wohlwollen gegenübersteht. Kritische Töne finden in diesem Buch allerdings ebenso Gehör. Für mich eine wirklich spannende und interessante Lektüre, nach der ich wieder wusste, warum ich ganz öffentlich auch nach der Teenie-Zeit zu meiner Zuneigung zu Hello Kitty stehen kann ;-).