Duell – Joost Zwagerman

Es gibt sie, diese Romane, bei denen Du schon nach dem kurzen Text in der Verlagsvorschau weißt – das wird was. Das wird etwas Großes. Du schreibst also eine e-Mail an den Verleger und bittest um ein Exemplar. Als es eintrifft, liest Du es in einem Zug durch, mit von Seite zu Seite wachsender Begeisterung und einem verschmitzten Grinsen im Gesicht, als Du es fertiggelesen hast.

Ein herrlich böser Ausflug in die Kunstszene und ihre menschlichen Abgründe. Was ist dran an der Kunst, was kann sie bewirken und wozu kann sie Menschen treiben? Ein Kokettieren mit Absichten und versteckten Motivationen und an dem ein oder anderen Seitenhieb wird auch nicht gespart.

Duell” ist einer jener seltenen Fälle, wo alles von Anfang bis zum Ende stimmt. Die ersten Sätze. Die Geschichte, die sich langsam entfaltet und immer mehr an Fahrt zunimmt. Es ist eines jener Bücher, welches man im Beratungsgespräch empfiehlt und was dann nach einem ersten Anlesen mit leuchtenden Augen zur Kasse getragen wird.

Wenn ich dieses Jahr nach einem Lieblingsbuch aus den Herbstneuheiten gefragt werde, steht “Duell” ganz oben auf meinem Zettel – und das mit Recht!

 

 

 

Ich habe einen Liebesbrief geschrieben

Diese Woche bin ich zu einem Konzert meiner Lieblingsband gegangen und habe mich verliebt. In die Hingabe. In die Leidenschaft. In die Bereitschaft, für seine Träume Zeit zu investieren und immer weiter zu machen. Die Worte reihten sich in meinem Kopf aneinander, während ich meine Kollegin dort oben stehen sah, ganz eins mit ihrer Gitarre und der Musik. Habe ihre Bandkollegen betrachtet, die verzückt, konzentriert und mit Spaß an der Sache waren. Und mir gedAwomanwithherguitaracht, wie froh ich sein kann, dass all diese Menschen so mutig sind.

Das ist ein Liebesbrief an euch alle, die ihr Kunst schafft. An die Musiker’innen, die stundenlang üben, um den richtigen Anschlag zu finden. An die Maler’innen, die immer wieder vor einer weissen Leinwand sitzen. An die Autor’innen, die jeden Tag aufstehen, sich an den Schreibtisch setzen und ihrem Kopf Geschichten entlocken. Es ist oft hart und anstrengend und sicher die mehr als die Hälfte der Zeit alles andere als glamourös.

Ihr habt Durchhaltevermögen. Ihr gebt zum Teil sichere Verhältnisse auf, um eure Träume zu verwirklichen. Und ihr seid mutig, unfassbar mutig. Jeder, der schon einmal lange auf ein Ziel hingearbeitet hat, kann das bestätigen. Wenn unsereins die ersehnte Marathonzeit nicht gelingt, so ist das durchaus eine Enttäuschung, aber eine, die wir meist nur mit Freunden teilen. Aber mit etwas, dass von uns selbst kommt – und was könnte persönlicher sein als Kunst – an die Öffentlichkeit zu gehen, unsicher, ob die Welt verstehen wird, was ihr sagen wolltet, ob sie es lieben werden oder in der Luft zerreissen – das ist absolut bewundernswert. Denn jedesmal, wenn eine Bühne betreten wird, ein Buch gedruckt, ein Bild auf die Leinwand gezogen wird, verlasst ihr das sichere Ufer, betretet ihr eine wackelige Brücke, ohne genau zu wissen, wohin sie führen wird und ob sie hält.

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Ich danke jedem, der seine Musik, seine Worte, seine Farben in die Welt hinauslässt. Denn wir brauchen diese Menschen. Ihr gebt uns mit euren Songs, Büchern, Bildern Gelegenheit, uns nicht einsam zu fühlen. Den Lieblingssong mit der Freundin zu teilen, uns jemandem nah zu fühlen, der das gleiche Buch liebt wie wir, ein Bild in den Händen zu halten, das uns an einen innigen Moment erinnert. Weil man denen, die das Leben reicher machen, jeden Tag sagen soll, wie sehr wir das schätzen, was sie für uns tun und wir es alle viel zu selten sagen, schreibe ich euch heute diesen Liebesbrief – Danke für alles!

Die Doors und Dostojewski – Susan Sontag

Heute geht ein großes Lob an Karla von der Buchkolumne. Ohne sie wäre ich nämlich nicht zu diesem Buch gekommen. Von alleine hätte ich wohl kaum zu Susan Sontag gegriffen, deren Name mir zwar bekannt ist, die ich mir aber “nicht zugetraut” habe. Und dann dieser Interview-Band: eine kleine Offenbarung. Was für eine kluge, gewitzte und vielschichtige Frau! Der Titel sagt es eigentlich: “The Doors und Dostojewski”. Mein Mann sagte vor dem Traualtar zu mir, ich sei die einzige Frau, die er kenne, die Literatur und Popkultur gleichermaßen in sich vereint. Dieses Interview (neben einigen anderen AHA-Momenten) hat mich auch darin wieder bestärkt…ich werde dazu ganz sicher noch einen kleinen Artikel schreiben. Bis dahin: lest dieses wunderbare Buch!

Allmen und die Dahlien – Martin Suter

Fand ich die ersten beiden Bände rund um den Ermittler Allmen noch herrlich originell, schlich sich hier ein leichter Ermüdungseffekt ein. Der Fall riss mich nicht wirklich mit, Allmen war gemütlich geworden, es fehlte an Spannung. Ein wenig klärte sich das: dieser Teil ist wohl als Zweiteiler gedacht, was ein wenig das ruhige Daherkommen erklärt. Ein bisschen verstimmt es mich aber auch: ich bin kein Fan von solchen unerwarteten Unterbrechungen. Das können Sie doch besser, Herr Suter!

Elsa ungeheuer – Astrid Rosenfeld

Es tut mir in der Seele weh… Ich fing das Buch an: war gleich wieder gefangen vom tollen Stil Rosenfelds. Die Beschreibung der Kinder und Jugendjahre, vermischt mit den Skurrilitäten, die ein kleines Dorf mit sich bringt. Bis dahin dachte ich: klasse, ein schöner Roman mit viel Potential. Doch dann kam der Sprung ins Erwachsenenleben der Protagonisten und für mich der Bruch – hier war noch ein Hauch der wirklich tollen Ideen des ersten Teils zu spüren, meine Begeisterung nahm aber immer mehr ab – wohin sollte dieser Roman führen – war das wirklich alles? Irgendwie hatte ich nach dem Auftakt anderes, soviel mehr erwartet. Das Buch plätscherte nur noch so vor sich hin, die Ereignisse kamen mir nicht mehr nahe. Wie gesagt – es tut mir richtiggehend weh, diesen Leseeindruck zu schreiben, hatte ich doch mit „Adams Erbe“ ein so großartiges Buch gelesen. Aber: ich werde auch das nächste lesen und auch wieder große Erwartungen haben – denn schreiben, das kann Rosenfeld definitiv.

Kapital – John Lanchester

Ein opulenter Roman – nicht nur durch seine Dicke, auch durch die Fülle an Personen und Themen, die Lanchester hier versammelt. Der Klett-Cotta-Verlag mausert sich in letzter Zeit immer mehr zu einem Verlag, den ich im Auge behalte und auch mit diesem Buch hat er seinen Status wieder untermauert. Ein Kaleidoskop an Menschen, alle verbunden durch ihren Wohnort: die Pepys Road in London. Und durch eine Karte im Briefkasten, auf der geschrieben steht „Wir wollen, was ihr habt!“ – Werbegag, Drohung, Scherz oder geht es, wie so oft in diesen Tagen, einfach nur um Geld? Die Bewohner haben alle so ihre eigene Art, mit der ungewohnten Post umzugehen. Als Leser folgt man mit einem gewissen Vergnügen den ganz unterschiedlichen Lebenswegen, bangt, amüsiert sich, hält den Atem an – und fühlt sich zum Schluss einfach richtig gut unterhalten!

Die Akte Rosenherz – Jan Seghers

Der mittlerweile 4. Marthaler-Krimi von Jan Seghers alias Matthias Altenburg ist da – und wieder ist es ihm gelungen, mich, den nicht-so-sehr-Krimi-Fan zu fesseln. Ich finde es hier sehr schwer, nicht vorweg zu greifen, daher nur so viel: ein spannender Fall der auf einem echten Kriminalfall beruht, verknüpft mit der Kunst-Szene – und Marthaler bricht ein wenig aus der gewohnten Routine aus und grade das verleiht dem Fall eine ganz eigene Qualität.

Mir hat dieser Marthaler wieder sehr gefallen, tolle Figuren und Szenerien, nicht zu durchsichtig, intelligent und mit Verve geschrieben – besonders beeindruckend fand ich einige Schilderungen aus dem Privatleben Marthalers – wers gelesen hat, wird mich verstehen.

Kam in den Genuß einer Lesung bei uns und kann nur wieder betonen, das Jan Seghers durch und durch ein sympathischer und angenehmer Zeitgenosse ist. Auch war es wieder ein Vergnügen, einige Aspekte des Buches mit dem Autor durchzudiskutieren! Ich kanns jedenfalls allen Krimi-Fans empfehlen, nicht nur die Hessen werden ihren Spaß haben!

Wie ein Wanderer in mondloser Nacht – Dai Sijie

Erscheint im August 2009!
Nachdem ich ja von “Balzac und die kleine chinesische Schneiderin” so überaus begeistert war, habe ich mich voller Vorfreude auf das Leseexemplar vom neuen Sijie gestürzt! Die Verlagsvertreterin warnte mich etwas vor, die ersten 60 Seiten wären ein wenig holprig, aber das würde sich dann geben. Es ist schwierig dieses Buch zu fassen: es hat wundervolle, sehr intensive Passagen, es ist sehr speziell, es taucht tief ein in eine Kultur und deren Künste und Eigenheiten, die mir als Westler sehr fremd sind. Und immer wieder – diese Sprache! So kunstvoll und schön. Was es für mich trotzdem schwierig machte, sind viele Geschichten innerhalb der Geschichte, viele, viele Namen, zuwenig von der (durchaus toll konstruierten) Handlung. Diese spielt zwischen einer französischen Studentin und einem chinesischen Gemüsehändler, die eine gemeinsame Suche verbindet…Manchmal musste ich mir einen kleinen Ruck geben, um weiterzulesen. Ein nicht so leichtes Buch und trotzdem bin ich froh, es gelesen zu haben – denn die kleinen Perlen innerhalb es Buches machen es lesenswert. Dazu ein wunderschöner Titel, eine tolle Gestaltung von Piper….bei Büchern gibt es eben nicht nur Gut oder Schlecht. Trotzdem reicht es einfach nicht an “Balzac…” heran, was mich sehr begeistert hatte.

Frau Paula Trousseau – Christoph Hein

Ein wirklich, wirklich tolles Buch. Am Ende war ich richtig geschafft, fast schon deprimiert, aber auch sehr beeindruckt. Paula setzt sich im Laufe ihres Lebens gegen alle durch: ihre Eltern, ihre Männer – und lebt und liebt doch nur die Kunst. Das ist mehr als die Geschichte einer Emanzipation. Das ist Drama, das ist klare Linienführung, das ist ein Roman über Kunst, eine Familiengeschichte, Liebesgeschichte am Rande. Auch wenn Paula soviele Fehler macht – oder auch nicht, je nach Blickwinkel – sie wirkt trotz ihrer Kälte ungeheuer menschlich.

Hat mich wirklich sehr gefesselt. Wer bereit ist, sich auf ein trauriges, aber sprachlich so lesenswertes Buch einzulassen, der wird hier belohnt!