Qualityland – Marc-Uwe Kling

Endlich gibt es etwas Neues vom Erfinder des wohl berühmtesten Kängurus der Buchwelt, Marc-Uwe Kling hat wieder einen Roman geschrieben. Einen, den es gleich in zwei Ausführungen (helles und dunkles Cover) und in einer Hörbuchfassung gibt – die dreifache Freude für alle Fans quasi. Wir tauchen also tief ein, in dieses Qualityland, in dem fast alles per TouchKiss auf dem Qualitypad zu regeln ist, alles immer OK ist, und in dem Maschinen unsere tiefsten Wünsche erfüllen, lange bevor wir überhaupt wissen, dass wir sie haben. Eine Welt voller Superlative. Was soll da noch schiefgehen? Qualityland – Marc-Uwe Kling weiterlesen

Die Kieferninseln – Marion Poschmann

Am Anfang stürzte ich fast kopfüber in den Roman hinein – denn es ging so schnell los, dass sich bei mir zunächst leise Verwirrung breit machte. Der hastige Aufbruch von Gilbert Silvester, seines Zeichens Privatdozent und Bartforscher, der nagende Verdacht, dass seine Frau ihn betrügt, das alles passiert in einer fließenden Bewegung und ich folge ihm auf seine Reise, deren plötzlichen Auslöser ich nicht unbedingt nachvollziehen kann. Die Kieferninseln – Marion Poschmann weiterlesen

Sechs Fragen zu “Schau mich an, wenn ich mit dir rede” von Monika Helfer

Eine Autorin, ein Buch, zwei Frauen, sechs Fragen,zwei Meinungen.

Österreich ist weit weg, zu schade, denn sonst hätten Mareike und ich uns sicherlich auf ein leckeres Stück Kuchen getroffen, beide mit dem Longlist-Roman in der Hand und hätten engagiert debattiert, welche Aspekte den Roman für uns haben herausstechen beziehungsweise haben durchfallen lassen. So behalfen wir uns mit sechs Fragen – die Antworten hätten wohl nicht unterschiedlicher ausfallen können!

Vorhang auf! Sechs Fragen zu “Schau mich an, wenn ich mit dir rede” von Monika Helfer weiterlesen

Flugschnee – Birgit Müller-Wieland

Lucy. Lorenz. Helene. Vera. Arnold. Das sind die Stimmen, die in einem Zeitraum von rund 20 Jahren eine Familiengeschichte erzählen. Und auch der abwesende Simon, der Bruder von Lucy, erzählt durch sein Fehlen auf ganz eigene Art seinen Teil der Geschichte. Flugschnee, so heißt der Roman und auch das Cover passt zur Erzählweise des Buches. Viele einzelne Schneeflocken fliegen umher, Erinnerungsfetzen, Kindheitseindrücke, Erzähltes, Gehörtes, Gesagtes. Nach und nach bilden sich Muster in diesem wilden Erzählsturm, um dann doch gleich wieder im Weiss zu verschwinden. Aber je weiter man vordringt, desto klarer wird die Sicht und die Ahnung, dass all diese Schneeflocken zusammengesetzt ein Bild ergeben werden, die Geschichte einer Familie, die ein Geheimnis viel zu lange verbarg und nun droht, an ihm zu zerbrechen.

Kunstvoll erzählt, in einem ruhigen Stil, der mir sehr gut gefallen hat. Für mich zurecht auf der Longlist!

Kraft – Jonas Lüscher

So schön es ist, gemeinsam über Bücher zu schwärmen, so sehr genieße ich es dann auch, mich über ein Buch auszutauschen mit jemandem, der nach der Lektüre anderer Meinung war. Mein Buchpreisblogger Kollege Frank hat mit mir über den Roman von Jonas Lüscher gesprochen – Vielen Dank bereits an dieser Stelle!

Sarah: Als ich deine begeisterte Rezension zu Jonas Lüschers “Kraft” gelesen habe, habe ich mich sehr auf den Roman gefreut. Bei mir ist er aber doch ganz anders angekommen als bei Dir, was wohl weniger mit der Form und dem Erzählstil zu tun hat, als mit dem Inhalt. Ich gebe ehrlich zu, dass ich nach einigen Büchern im gleichen Stil (Mann, gebildet, hadert in der Lebensmitte mit seinem Leben) ein wenig müde bin, von diesem Muster.

Abschlussball – Jess Jochimsen

Es gibt Autoren, von denen ich erwarte, dass sie mir eine traurige Geschichte erzählen können, bei der ich trotzdem schmunzeln muss. Einer davon ist Jess Jochimsen, dessen feinen Humor ich sehr schätze. Wer sonst könnte die Geschichte um einen Friedhofstrompeter mit solcher Leichtigkeit erzählen und dennoch nie in den Kitsch abrutschen? Marten ist ein Sonderling, einer, der schon so manches Tief im Leben erlebt hat und der sich eingerichtet hat, in seiner kleinen Welt. Er spielt den Toten ein letztes Lied auf seiner Trompete und versteckt sich auf dem Friedhof und in seinen kleinen Ritualen – vor dem Leben? Im Verlaufe des Buches wird er es herausfinden und wir schauen ihm dabei zu – mal besorgt, mal lächelnd und hier und da auch trocken schluckend.

Wieder hat Jess Jochimsen es geschafft, einen Roman zu schreiben, der sich abhebt, in dem seine Protagonisten die sein können, die sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen. Kein leichtes Buch für den Sommerurlaub, im Gegenteil. Aber dennoch ein Buch, welches man an einem lauen Sommerabend lesen kann, leise Trompetenklänge noch im Ohr. Und wenn man es zuschlägt, wird man das Gefühl nicht los, ein kleines bißchen mehr verstanden zu haben. Vom Leben, der Liebe und dem Tod.

Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg – Jenny Colgan

Erinnert ihr euch noch an Polly, ihre herrlich duftenden Brote und die Bäckerei auf der kleinen Halbinsel? Mittlerweile ist es Sommer geworden und Polly muss sich so einigen unerwarteten Herausforderungen stellen. Oftmals sind Fortsetzungen ja eher lauwarm, bei diesem Cornwall-Roman ist das glücklicherweise nicht der Fall. Auch der zweite Band ist wieder herrlich charmant und witzig erzählt, denn die Geschichte um Polly, ihren Freund Huckle und Neil, den Papageientaucher bietet noch so einiges an Stoff zum Erzählen. Als Urlaubslektüre bestens geeignet und wer den ersten Band “Die kleine Bäckerei am Strandweg” noch nicht kennt, packt den auch gleich noch mit in den Koffer

Dass wir uns haben – Luise Maier

Manchmal lese ich ein Buch, das so schmerzhaft ist und soviel in mir anrührt, dass ich mich frage, wie ich dieses Buch empfehlen kann und soll. Und gleichzeitig ist mir bewusst, wie wichtig diese Bücher sind, die den Finger auf die Wunde legen. Die Schmerz sichtbar machen, unsichtbare Familiengefüge ans Licht bringen und die uns aufschrecken lassen. Dass wir uns haben – Luise Maier weiterlesen

Ein wenig Leben – Hanya Yanagihara

Wir kennen ihn alle, den Hype bei Romanen, die lange vor Erscheinen vollmundig angekündigt werden. Auf deren Klappentexten sich ein Superlativ an den nächsten reiht. Jeder scheint es zu lesen, die Meinungen schwanken von einhelliger Begeisterung bis hin zu kokettierender Ablehnung, man würde das Buch nicht lesen, weil es alle anderen auch lesen. Allein diese Aufmerksamkeit, die für den einzelnen Titel geschürt wird, kann also einen sehr gegenteiligen Effekt haben: Neugierde erwecken oder Ablehnung produzieren. Will ich als Leser*in im Mainstream mitschwimmen? Mitreden können? Oder versuche ich, meine vielleicht vorhandenen Vorurteile zur Seite zur schieben und mich zu fragen ob mich die Geschichte überhaupt interessiert?

Seit “Ein wenig Leben” im späten Herbst bei mir eintrudelte, lag es auf einem Buchstapel, geduldig bereit zu warten, bis ich einige Tage frei hatte und mich ganz den 960 Seiten widmen konnte. Bis dahin habe ich, scheuklappenmäßig, alle Berichte und Meinungen, ganz gleich, in welche Richtung vermieden. Am glücklichsten bin ich doch, wenn ich zumindest ansatzweise vorurteilsfrei in eine neue Lektüre finden kann, weder mit zu hohen, noch zu niedrigen Erwartungen.

Ich schlug also diesen Roman auf und verlor mich in ihm, in seiner Sprache und in den Bildern, die Yanagihara vor meinem geistigen Auge entstehen lässt, die auf viele pathetisch, gar übertrieben wirken könnten. Ich hingegen nahm einen Stift und strich sie an, eine Angewohnheit, die ich äußerst selten beim Lesen eines Romanes anwende. Nachdem ich das Buch beendet hatte, las ich in einem Interview, dass eine häufige Kritik am Stil des Romans sein überbordendes Wesen sei – für mich war es eine der Stärken.

Was er an seinen abendlichen Fahrten noch liebte, was das Licht, die Art und Weise, wie es die Wagen füllte wie etwas Lebendiges, wenn die Bahn über die Brücke ratterte, wie es die Müdigkeit von den Gesichtern seiner Sitznachbarn wusch und sie so zeigte, wie sie gewesen waren, als sie in dieses Land gekommen waren, als sie jung waren und Amerika noch für bezwingbar hielten.” (S.40)

Was mich an Romanen fasziniert, dass sind die Menschen, die ihn bevölkern. Die Protagonisten Seite um Seite besser kennenzulernen, was sie antreibt, was sie umtreibt, woher sie kommen und warum sie sich entschließen, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es tun. Hier folge ich vier jungen Männern, die einige Jahrzehnte lang eng freundschaftlich miteinander verbunden sind. Ich sehe ihnen beim Wachsen zu, bei ihren Erkenntnissen, ihren Fehlern, ihren Erfolgen, ihren dunklen Stunden.

Der Roman ohrfeigt mich und teilweise muss ich ihn wirklich kurz beiseite legen und Atem schöpfen. Und dennoch habe ich während der Lektüre nicht einmal das Bedürfnis, aussteigen zu wollen. Der Sog ist zu stark, das schwarze Loch ist unerbittlich, die ausschweifende Art des Erzählens wiegt mich in einer fragilen Sicherheit, bis ich wieder nach Luft schnappen muss.

Seine Freundschaft zu Jude, so kam es ihm manchmal vor, beruhte zum großen Teil darauf, dass er sich nicht die Fragen stellte, die er sich eigentlich hätte stellen sollen, weil er sich vor den Antworten fürchtete. (S. 100)

Hier wird ein Leben verhandelt und wieviel Freundschaft und Liebe ertragen und verarbeiten können. Nicht nur die Protagonisten fühlen sich oft hilflos zum Zusehen verdammt, auch wir als Leserinnen und Leser fragen uns intuitiv, was denn ein Leben ausmacht. Was macht uns stark, wieviel kann der Mensch aushalten, wer bestimmt, was auszuhalten ist und was nicht?

Eine Aufgabe der Literatur ist es, uns aufzurütteln, an unseren Überzeugungen zu kratzen und uns immer wieder und wieder zu hinterfragen. Literatur wird diese Aufgabe vor allem dann erfüllen, wenn ihre Figuren intensiv gezeichnet sind, wenn wir beim Lesen Reaktionen zeigen und selbst an unsere Grenzen gebracht werden. Eine einfache Liebesgeschichte wird selten die gleichen Widerhaken in einem setzen, wie es eine Geschichte kann, deren Handelnde Fehler machen, die Abgründe in sich haben und die uns erlauben, auch ihre dunklen Seiten zu sehen, ihre Narben, Verfehlungen und ihre eigenen Vorwürfe an sich selbst.

Ein Buch, über das man sprechen möchte, Stunde um Stunde.

 

Elefant – Martin Suter

Ein kleiner, rosafarbener Elefant. Ein pinker Fisch. Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl bei der Sache Aber auch fernab von zufällig vorhandenen Farbvorlieben hat mich Suter wieder vollends überzeugt, als Großmeister des intelligent-gewitzten Unterhaltungsromans. Das kann er, darin macht ihm so schnell keiner etwas vor. Und ich begebe mich, mal wieder und mit großer Vorfreude in ein wahres Lesevergnügen und folge den Spuren des rund 20cm großen, im Dunkeln leuchtenden, rosafarbenen Elefanten, dessen schiere Existenz nicht wenige Menschen ganz schön ins Schwitzen bringen dürfte. Solch eine Kostbarkeit erweckt Begehrlichkeiten, doch nicht alle sind der Meinung, dass dieses besondere Geschöpf in die Öffentlichkeit gelangen sollte…

Das Jahr 2017 ist noch recht frisch und doch habe ich mit “Elefant” schon einen meiner Lieblinge für das Frühjahrsprogramm gefunden!