Artikel mit ‘Roman’ getagged

Mamas Vermächtnis – Herrad Schenk

Samstag, 18. Februar 2012

Ein Mutter-Tochter-Verhältnis aus der ganz anderen Warte. Als ihre Mutter stirbt ist Thea selbst schon fast siebzig – und sieht sich plötzlich einem ganz neuen Leben gegenüber, so ganz ohne “Mamachen”. Herrad Schenk mag ich seit “In der Badewanne” sehr gern, denn sie hat das Talent, in einen humorvollen Roman noch so einige Zwischenböden an Tiefe und auch Satire einzuziehen – und das ganze noch mit  sehr klugen Gedanken zu garnieren. Auch hier nimmt sie den Befreiungsschlag der Tochter zum Anlass, ein ganzes Leben zu beleuchten und vorallem die Frage – was ist Thea denn noch – außer Tochter? Und nicht zuletzt – wer war eigentlich Mamachen?  Hat mir wieder richtig gut gefallen!

Der Russe ist einer, der Birken liebt – Olga Grjasnowa

Donnerstag, 09. Februar 2012

Hier hat mich vieles interessiert: der lange Titel, die Protagonistin Mascha die viele Sprachen spricht, die kantig schien, ungewöhnlich, sich mit ihrer Herkunft auseinandersetzt – noch dazu bei einem meiner Lieblingsverlage, bei Hanser erschienen. Und doch bleib dieses Buch blass. Es las sich angenehm, die Geschichte fing verheissungsvoll an…und dann lief es so vor sich her, drehte sich immer weiter und ich fragte mich: Wohin geht es? Was möchte mir die Autorin sagen? Und auch Mascha wird immer konturloser, blasser, ist kaum noch zu fassen. Ich habe das Buch zugeschlagen und gedacht: Hm! Leise Enttäuschung bleibt zurück.

Die Teilacher – Michel Bergmann

Montag, 06. Februar 2012

Dieses Buch habe ich von einer sehr lieben Freundin empfohlen bekommen. Die Teilacher (eine Bezeichnung aus dem Jiddischen für die jüdischen Haustürvertreter) beschreibt eine Gruppe dieser Händler in Frankfurt nach Ende des Krieges. Wir haben es (aufgrund der Nähe zu Frankfurt) sowieso schon ganz gut verkauft und wie es dann so ist – man will dieses Buch gerne lesen, was so läuft wie geschnitten Brot, es ist aber nicht die rechte Zeit dazu. Nun endlich habe ich es gelesen und fragte mich: Warum nicht schon früher? So ein feines Buch!

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll: der Mut dieser Männer, zurückzukommen, neu anzufangen? Die jiddischen Begriffe, eine Sprache die mir auf unbekannte Weise nahe geht? Die Chuzpe, mit der geschildert wird, wie sich die Teilacher durchschlagen? Das Erkennen von Straßen, Plätzen, Häusern innerhalb Frankfurts? Die wirklich spannende und bewegende Geschichte, in der sowohl Leid als auch der jüdische Humor immer wieder durchblitzen? Der pragmatische und doch so für sich einnehmende Stil? Es ist ein beeindruckendes Buch und ich freue mich schon auf “Machloikes“!

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen – Elisabeth Tova Bailey

Montag, 06. Februar 2012

Der Titel machte mich neugierig, das schön gestaltete Cover ebenfalls. Als ich dann auf der Website der Autorin der Schnecke beim Essen zuhören konnte (hier!) war meine Neugierde endgültig geweckt! Hier erwartet den Leser eine unerwartete Perspektive…

Die Autorin erkrankt schwer, ist nicht in der Lage sich selbst zu versorgen oder ich ausserhalb ihres Bettes zu bewegen. Eine Freundin bringt ihr, aus einer Stimmung heraus, eine kleine Schnecke als Gesellschaft mit. Was zunächst seltsam anmutet, wird später der größte Halt für Bailey, die extrem unter ihrer Krankheit und Isoliertheit leidet . Sie findet in der Betrachtung der Schnecke Ruhe und Paralellen zu ihrem eigenen Leben. Zudem hat sie später viel über Schnecken recherchiert und mischt interessante Fakten über diese Tiere mit ihren eigenen Beobachtungen. Ich würde nicht behaupten das Schnecken im Fokus meiner Aufmerksamkeit stehen, hier allerdings war ich fasziniert und angetan vom Facettenreichtum dieser Art.

Mich hat angerührt, wie diese Frau sich zurück ins Leben kämpft, und in dieser kleinen Schnecke einen Lebenswillen findet. Es ist nicht wirklich ein Roman, aber eine wirklich toll geschriebene Lebensgeschichte. Lesenswert!

Ewig Dein – Daniel Glattauer

Freitag, 03. Februar 2012

In der gewohnt charmanten Manier von Glattauers Romanen beginnt diese augenscheinliche Liebesgeschichte – ein Kennenlernen, ein Kribbeln, ein neuer Mann im Leben von Judith, der liebenswürdige, sehr verliebte Hannes. Nach dem großen Erfolg seiner beiden Emmi&Leo-Romane hätte Glattauer auch einfach wieder eine Liebegeschichte der “üblichen” Art schreiben können – er hat jedoch alles richtig gemacht und genau das nicht getan!  Statt dessen schleicht er sich auf ungewohnt spannende Pfade, baut langsam eine gewisse Bedrohlichkeit auf und haut dem Leser seine Erwartungen um die Ohren. Und das liest sich einfach gut und abwechslungsreich, denn auch der Humor kommt durch einige wirklich herrlich karikierte Nebenfiguren nicht zu kurz. Mal etwas ganz anderes, überraschendes – hier kommen sowohl Fans vom Autor als auch jene, die ihn noch nicht kennen, auf ihre Kosten!

Für den Rest des Lebens – Zeruya Shalev

Donnerstag, 02. Februar 2012

Voller Wucht und Eindringlichkeit schildert Zeruya Shalev die Facetten einer Familie über 3 Generationen – in einer bildhaften, wundervollen Sprache die einen berührt zurücklasst…Meine erste Shalev und ganz sicher nicht meine letzte! Ja, man braucht einige Tage (und Ruhe!) für das Buch, weil es wirken muss – die Sätze sind lang, manches Mal fast ohne Anfang und Ende, aber genau das ist es was für mich den Reiz des Romans ausmacht.

Unbedingt erwähnen muss man die Tiefe, in die Shalev uns mitnimmt, intensiv spürt man den so oft schmerzhaften Gefühlen der Protagonisten nach. Eine Betrachtung der Familie,  3 eigenwillige Figuren und auch wenn viel Schweres den Roman bewohnt, so finden sich hier und dort doch kleine, wunderschöne Betrachtungen und Wörter und bilden so gemeinsam ein großes, sehr rundes Werk. Ein ganz wichtiger Lesetipp!

Nur eine Ohrfeige – Christos Tsiolkas

Mittwoch, 01. Februar 2012

Im Englischen lautet der Titel ein wenig passender “The Slap“. Ausgehend von dieser Ohrfeige die ein kleines Kind auf einem Barbecue unter Freunden bekommt (allerdings nicht von den Eltern) entfaltet sich anhand von 8 Episoden ein Blick auf  die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Freunde – und vorallem ein Blick hinter die Fassade, hinter der es bei allen nicht halb so gut aussieht, wie sie vorgeben… Und anhand der Ohrfeige stellt sich die Frage: wofür stehen die Freunde? Wer hält zu wem? Welche Moral wird vertreten – und was kann man für sich selbst verantworten? Ein buntes Kaleidoskop an menschlichen Regungen, ein ziemlicher tiefer Sumpf an Vergehen, Übertretungen und Emotionen – Tsiolkas hat nicht gespart, er lotet mit einem gewissen Genuß die Untiefen aus, in die seine Figuren sich unaufhaltsam hineinmanövrieren. Das liest sich spannend, unterhaltsam, die Sprache ist manchmal derb aber wirkt nie aufgesetzt. In Australien war das Buch ein großer Erfolg und wurde für ABC TV verfilmt – kein Wunder, der Stoff überzeugt!

Harold and Maude – Colin Higgins

Montag, 30. Januar 2012

Hier bleibt mir nur zu sagen: ein wunderbares kleines Büchlein über das Sterben und das Leben – selten hat es jemand so gut auf den Punkt gebracht, wie diese beiden Ereignisse sich gegenseitig bedingen. Jeder sollte eine Maude in seinem Leben haben, jeder sollte singen und tanzen wenn ihm danach ist und sein ganz eigenes Leben leben. Ach, es ist einfach so ein großes JA zum Leben und nachdem ich den Film schon lange liebe, war diese Lektüre überfällig.

Wiegenlied für kleine Ganoven – Heather O’Neill

Montag, 23. Januar 2012

Wenn man ein Buch beim Lesen immer wieder weglegt, spricht das nicht unbedingt für das Buch. Wenn man es aber weglegen muss, weil es einem ganz schön nahegeht, sieht der Fall schon wieder anders aus. Bei diesem Buch hat mich sofort das Cover angesprochen, der Titel, alles zusammen liess mich auf eine ungewöhnliche Geschichte hoffen. Die habe ich auch bekommen – allerdings ist hier wahrlich nicht mit einem launigen Handlungsverlauf zu rechnen. Ein Mann der mit 15 Vater wird und seine Tochter Baby nennt, die Mutter die es nach ihrem Tod den beiden überläßt, sich durchs Leben zu schlagen. Drogen, Sozialarbeiter, Wohnen in Absteigen die der Beschreibung spotten – aus der Sicht von Baby wird eine Kindheit erzählt, die mich ziemlich mitgenommen hat. Ob es nun der völlig überforderte, drogensüchtige Vater ist, Babys Klugheit, die durchblitzt und es ihr ermöglicht, in den Kleinigkeiten das Schöne zu sehen – es war ein ziemlich deprimierender Mix aus Faszination und Mitleid. Ich war fast ein wenig erleichtert, als ich das Buch zuklappte. Aber auch nur fast: Bücher sollen ja eigentlich genau diese Qualität haben: einen mitziehen, in die Geschichte, in die Atmosphäre, in die Gefühlswelt seiner Protagonisten. Das ich mich meist lieber in eine andere Art Geschichte ziehen lasse, kann ich dem Buch schwerlich anlasten.

Vom Ende einer Geschichte – Julian Barnes

Montag, 26. Dezember 2011

Es wundert mich absolut nicht, das Barnes für diesen Roman den Booker Prize bekommen hat. Von der ersten Seite an war ich in der Szenerie, es enthüllt sich nach und nach das Gesamtkunstwerk dieses Romans, es ist spannend, voller Wendungen und doch so schmerzlich nah an eigenen Erfahrungen, die man mit dem Protagonisten teilt – wow! Hier hat für mich wirklich alles gepasst – die Sprache, der Aufbau, die Geschichte, einfach alles. Das Buch hat mich berührt und begeistert zurückgelassen und jedesmal wenn ich darüber rede, gerate ich ins Schwärmen und bin ziemlich ergriffen. Wirklich, empfehlenswert, bitte kaufen, bitte ausleihen, Hauptsache – lesen!