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Wiegenlied für kleine Ganoven – Heather O’Neill

Montag, 23. Januar 2012

Wenn man ein Buch beim Lesen immer wieder weglegt, spricht das nicht unbedingt für das Buch. Wenn man es aber weglegen muss, weil es einem ganz schön nahegeht, sieht der Fall schon wieder anders aus. Bei diesem Buch hat mich sofort das Cover angesprochen, der Titel, alles zusammen liess mich auf eine ungewöhnliche Geschichte hoffen. Die habe ich auch bekommen – allerdings ist hier wahrlich nicht mit einem launigen Handlungsverlauf zu rechnen. Ein Mann der mit 15 Vater wird und seine Tochter Baby nennt, die Mutter die es nach ihrem Tod den beiden überläßt, sich durchs Leben zu schlagen. Drogen, Sozialarbeiter, Wohnen in Absteigen die der Beschreibung spotten – aus der Sicht von Baby wird eine Kindheit erzählt, die mich ziemlich mitgenommen hat. Ob es nun der völlig überforderte, drogensüchtige Vater ist, Babys Klugheit, die durchblitzt und es ihr ermöglicht, in den Kleinigkeiten das Schöne zu sehen – es war ein ziemlich deprimierender Mix aus Faszination und Mitleid. Ich war fast ein wenig erleichtert, als ich das Buch zuklappte. Aber auch nur fast: Bücher sollen ja eigentlich genau diese Qualität haben: einen mitziehen, in die Geschichte, in die Atmosphäre, in die Gefühlswelt seiner Protagonisten. Das ich mich meist lieber in eine andere Art Geschichte ziehen lasse, kann ich dem Buch schwerlich anlasten.

Apostoloff – Sibylle Lewitscharoff

Freitag, 28. Oktober 2011

Nachdem Sibylle Lewitscharoff 2011 mit Preisen und Nominierungen für “Blumenberg” geradezu überhäuft wurde, wollte ich mit dem Werk, für das sie den Leipziger Buchpreis gewann, anfangen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Wenn diese Autorin zwei Dinge kann, sind es diese: mit ungeheurer Wucht schreiben, das ganze Buch ist ein einziger, schnellverfeuerter Rundumschlag, böse und mit vielen Spitzen versehen.

Und zum zweiten geht sie  kreativ und mit viel Verve mit Sprache um…manchmal auch geradezu zärtlich. Was für Sätze! Was konnte man in diesem Roman schwelgen!  Zeit muss man sich für ihn nehmen, das sei unbestritten, auch das etwas schräge Thema mag nicht jedermanns Sache sein. Ich aber war hingerissen, noch mehr weil ich die Autorin dieses Jahr live erleben dürfte und von ihrer Präsenz, ihrem Humor und ihrer Lesung absolut begeistert war! Ich freue mich auf alle weiteren Werke von ihr!

Einer meiner liebsten Sätze:

“Eine weitere Spezialität der Kellnerinnen, überhaupt der Bulgarinnen: sie sind parfümfreudig. So riecht mein Salätchen, sonst eher eine neutrale Angelegenheit, als hätte es im Regal einer Drogerie  übernachtet.”

Tirza – Arnon Grünberg

Donnerstag, 30. September 2010

Ich gebe ehrlich zu das ich mich hier zum Teil ein wenig durchgebissen habe. Trotzdem wollte ich es fertiglesen und ebenso übte es eine gewisse Faszination auf mich aus. Die Geschichte eines besessenen Vaters der seine Tochter nicht loslassen kann und will ist auf jeden Fall lesenswert, aber nicht unbedingt leichte Kost – zu intensiv beschrieben sind die Abgründe aller Beteiligten, zu schonungslos die Erzählweise. Aber wer sich darauf einlässt, erlebt einen Sog, dem man sich bis zum bitteren Ende nicht entziehen kann. Ein Buch für das man sich Zeit nehmen muss, die ist aber gut investiert!