Der amerikanische Architekt – Amy Waldman

Was wäre, wenn die anonyme Ausschreibung für die Gedenkstätte, die nach 9/11 am Ground Zero entstehen sollte, ein Mann namens Mohammed Khan gewinnt? Dieses Gedankenexperiment wagt Amy Waldman in ihrem Roman – und es gelingt ihr schnell, den Leser zu fordern: was würde ich tun? Auf welcher Seite stände ich? Welche Überzeugung kann ich vertreten, ethisch, moralisch, menschlich? Die Menschen, die vor dieser Entscheidung stehen: eine Jury, Überlebende, Zurückgebliebene, Politiker, der Architekt selbst – und dazu kommt die delikate Auseinandersetzung über Religion, Macht und Aussenwirkung. Für mich hält Waldman das Tempo, wird dem sensiblen Thema gerecht und schafft es bis zum Schluss, das Niveau zu halten und dem Buch einen runden Abschluss zu geben, was für mich oft die Achillesferse eines Romanes ist. Hat mir sehr gut gefallen, empfehle ich gerne weiter.

Looking for Alaska – John Green

Es gibt Bücher, bei denen weiss ich genau, noch nach Monaten, wie ich sie gelesen habe. Hier hatte ich mir das englische Original gekauft und allein deshalb langsamer gelesen als üblich – und noch mehr, weil ich jede Faser, jeden Wortfetzen dieses Buches genießen wollte. Das Leben spüren, der übermächtige Wunsch, ganz dazusein, alles zu erleben – das Leben begreifen: so fühlte sich die Lektüre an. Ich saß aufrecht im Bett, angespannt, mit Gänsehaut, die Tränen liefen. So oft setzte ich das Buch ab, so sehr gerührt von den Geschehnissen, so berührt. Manche Bücher sind einfach in dem Moment, in dem man sie liest, in einer bestimmten Lebensphase Begleiter, treffen einen ins Herz. Für mich ist dieses Buch so ein Begleiter – ich werde es sicher nochmals lesen und diese erste Lektüre – nicht vergessen. Eines meiner drei liebsten Bücher in 2012.

Erdenrund – Oliver Uschmann/Sylvia Witt

Ich mag die Reihe ja sehr, das kann man nicht verleugnen. Dieser Band war auch noch erfreulich dick, also versprach ich mir Lesevergnügen, welches ich auch hatte. Und wieder Spaß an vielen abstrusen Ideen. Allerdings hatte die ein oder andere Episode (obwohl ich es toll fand, die verschiedenen Perspektiven zu erfahren) einfach Längen. Diese mögen der Entwicklung und der deutlich ernsteren Töne der Figuren geschuldet sein. Das war ein wenig schade, weil ich dadurch deutlich öfter Pausen gemacht habe und das Buch ne Weile gebraucht hat, bis es durchgelesen war. Fürs nächste Buch wünsche ich mir : etwas kompakter – back to the roots

Der Russe ist einer, der Birken liebt – Olga Grjasnowa

Hier hat mich vieles interessiert: der lange Titel, die Protagonistin Mascha die viele Sprachen spricht, die kantig schien, ungewöhnlich, sich mit ihrer Herkunft auseinandersetzt – noch dazu bei einem meiner Lieblingsverlage, bei Hanser erschienen. Und doch bleib dieses Buch blass. Es las sich angenehm, die Geschichte fing verheissungsvoll an…und dann lief es so vor sich her, drehte sich immer weiter und ich fragte mich: Wohin geht es? Was möchte mir die Autorin sagen? Und auch Mascha wird immer konturloser, blasser, ist kaum noch zu fassen. Ich habe das Buch zugeschlagen und gedacht: Hm! Leise Enttäuschung bleibt zurück.

Kontrapunkt – Anna Enquist

Anna Enquist hat mit diesem Buch ein kleines, feines Meisterwerk geschaffen. Auf der Basis der Goldberg-Variationen von Bach beschreibt sie den Prozeß der Aufarbeitung einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat. Fein verwebt in die Musik brechen Bruchstücke aus dem gemeinsamen Leben hervor, taucht man ein in Erinnerungen und immer wieder bringt die Partitur und das Spiel die Frau an ihre Grenzen.

Sehr schön zu lesen, eine ergreifende und doch so “normale” Familiengeschichte. In jedem Satz spürt man die tiefen Gefühle die die Mutter für ihre Tochter hegt, die Beschreibungen der Musik, der Noten und der Paralellen zur Geschichte geht einem auch als Nicht-Musiker auf und berührt. Für mich eines der schönsten Bücher für den Herbst 2008 ! Lesen!