Kraft – Jonas Lüscher

So schön es ist, gemeinsam über Bücher zu schwärmen, so sehr genieße ich es dann auch, mich über ein Buch auszutauschen mit jemandem, der nach der Lektüre anderer Meinung war. Mein Buchpreisblogger Kollege Frank hat mit mir über den Roman von Jonas Lüscher gesprochen – Vielen Dank bereits an dieser Stelle!

Sarah: Als ich deine begeisterte Rezension zu Jonas Lüschers “Kraft” gelesen habe, habe ich mich sehr auf den Roman gefreut. Bei mir ist er aber doch ganz anders angekommen als bei Dir, was wohl weniger mit der Form und dem Erzählstil zu tun hat, als mit dem Inhalt. Ich gebe ehrlich zu, dass ich nach einigen Büchern im gleichen Stil (Mann, gebildet, hadert in der Lebensmitte mit seinem Leben) ein wenig müde bin, von diesem Muster.
Jemandem beim Scheitern zuzusehen, das kann anstrengend sein (oder auch ausgesprochen unterhaltsam, wie Julia Wolf mit “Walter Nowak bleibt liegen” eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat). In Lüschers Fall hat sein Protagonist Richard Kraft mich ziemlich angestrengt, mit seinen komplizierten Gedankentraumbauten, seinen Ausflügen in den akademischen Elfenbeinturm, fernab von der Lebensrealität, die ihn eigentlich beschäftigen sollte.

Wie ging es Dir damit?

Frank: Zum Glück habe ich zuletzt nicht allzu viele Männer-in-der-Krise-Romane gelesen – aber ich glaube auch, dass eine solche Reduzierung bei „Kraft“ zu kurz griffe. Ich habe den Roman vor allem als Satire auf den Neoliberalimus der Achtziger und seine moderne, entfesselte Variante im Silicon Valley gelesen. Eine Satire auf Theorien und und Gedankenkonstrukte, die oft an der tatsächlichen Lebenswirklichkeit vorbeigehen. Gerade die Diskrepanz zwischen Krafts Selbst- und Weltbild und seinem Werdegang – seiner Entwicklung als Wissenschaftler und Privatmensch – ist es, die den Roman interessant macht. Kraft wird ja genau wie sein Freund István als Opportunist entlarvt, der sich die Wahrheit zurechtbiegen muss, um vor sich selbst und anderen bestehen zu können. Insgeheim weiß er das auch: Schon als er 1982 nach Bonn reiste, um Zeuge zu werden, wie Kohl zum Kanzler wurde, ahnte Kraft, aufs falsche Pferd zu setzen. Später musste er miterleben, wie die FDP mit einem Personal, das ihn an sein jüngeres Selbst erinnerte, unter dem Gespött der Öffentlichkeit aus dem Bundestag flog. Im Silicon Valley müsste er sein Weltbild nun eigentlich bestätigt sehen, aber zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben will ihm das einfach nicht mehr gelingen. Das ist für mich der eigentliche Kern des Romans: die Erkenntnis Krafts, dass er diese innere Diskrepanz plötzlich nicht mehr überbrücken kann.

Sarah: Ich habe Kraft als jemanden erlebt, der das eigene Scheitern ein wenig aus der Distanz begreift, immer so, als ob er im Endeffekt ausgeliefert war und keinen Anteil an den Geschehnissen hatte. Sehr viele Gedanken, statt sich der Wahrheit und den Verhältnissen, die er ja auch selbst mit herbeiführte, auch einmal zu stellen. Mich hat das als Leserin ermüdet und das starke Gefühl, diesen Mann mal ordentlich durchschütteln zu wollen, erzeugt. Welche Gefühle hat Kraft bei Dir als Leser ausgelöst?

 Frank: Lüscher stellt seinen Protagonisten ja von Anfang an bloß, das beginnt bereits in den ersten Zeilen des Romans, als Kraft unter dem spöttischen Blick des Falken Donald Rumsfelds einfach nichts zustande kriegt. Schon der Titel ist eine erste Pointe: Kraft, das klingt zupackend und optimistisch, und dann begegnen wir diesem eigentlich ja sehr klugen Mann und müssen dabei zusehen, wie er vom Autor immer weiter der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Es hat mich sehr amüsiert, wie Lüscher das aufwändig konstruierte Selbstbild seiner Figur und ihr Bemühen, die innere Diskrepanz mit theoretischem Überbau zu überbrücken, an der Realität zerschellen lässt. Und trotzdem empfand ich oft Mitleid mit Kraft, etwa bei der sehr langen, sehr grausamen und auch sehr lustigen Bootsszene, an deren Ende er gedemütigt und nackt gerettet werden muss. Kraft ist zwar nicht besonders sympathisch, aber als Figur absolut glaubwürdig. Auch seine Rhetorikprofessur ist ein stimmiges Detail: Eigentlich ist ja Kraft ja Philosoph. In der Rhetorik geht es jedoch nicht um tiefere Wahrheiten, sondern um die Kunst des Überzeugens, was ihr schon oft das Vorurteil einbrachte, bloß eine inhaltsleere und opportunistische Technik zu sein. Lange konnte sich Kraft seine Biographie zurechtbiegen und die Fehler seines Lebens vor sich rechtfertigen – am Ende des Romans gelingt es ihm aber nicht einmal mehr, sich selbst überzeugen.

Sarah: Tatsächlich war die Bootsszene für mich auch eine der besten und stärksten im Buch. Und das mit dem Zurechtbiegen, ja, das macht es für mich auch wieder stimmiger. So habe ich es beim Lesen zunächst nicht empfunden, aber mit etwas Abstand und beim Lesen deines Eindrucks jetzt passt das jetzt besser.

Sarah: Ohne ins Detail gehen zu wollen – der Schluss hat für mich einiges wieder wettmachen können, weil er auf eine seltsame Art und Weise konsequenter war, als alles, was Kraft zuvor getan hatte. War er für Dich stimmig?

Frank: Auf jeden Fall. Er ist eine böse Pointe auf den Neoliberalismus, in dem jeder einzelne alleine für seinen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich ist. Am Endes des Romans zieht Kraft seine Konsequenzen aus der Erkenntnis, dass er seine innere Diskrepanz nicht mehr überbrücken kann; er ist nicht weiter imstande, sein Selbstbild aufrechtzuerhalten und gesteht sich ein, gescheitert zu sein – insofern ist er am Schluss womöglich zum ersten Mal überhaupt wahrhaftig und ehrlich zu sich.

Lieber Frank, Danke, dass Du Dich meinen Fragen gestellt hast. Ich gebe ehrlich zu, dass ich zunächst etwas mit dem Buch gekämpft habe, dein Blickwinkel konnte das ganze Bild für mich aber etwas mehr abgerunden und hat mich nochmal ganz anders über den Text nachdenken lassen.  Und nun können wir gespannt sein – schafft Lüscher es auf die Shortlist?

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2 Gedanken zu „Kraft – Jonas Lüscher“

  1. Liebe Sarah, lieber Frank,

    danke zunächst für den Beitrag! Mir bedeutet das Buch sehr viel, seit es erschienen ist, habe ich es viermal (!) gelesen, Lüscher zum Interview getroffen und ich initiierte und organisiere eine Lesung zu ‘Kraft’ in Heidelberg. Es hat mich regelrecht umgeworfen.

    Ich finde, das Buch hat den Preis verdient. Es greift nicht nur aktuelle und ‘weltbewegende’ Themen auf, sondern präsentiert sie auch in einer Sprache, die – wie ich finde – seinesgleichen sucht: Sie ist so geschickt, detailliert & fein konstruiert, so voller Humor!

    M. E. geht es um die Person ‘Kraft’ nur unter anderem. ‘Kraft’ steht doch eher für eine Denkweise, eine europäische, wenn man so will – für die des Fuchses, um mit Isaiah Berlin zu schreiben. Insofern geht es in dem Buch mehr um gesamtgesellschaftliche Themen, als um eine gescheiterte Existenz.

    Aber es ist in der Tat spannend, einmal andere Ansichten über diesen Text zu lesen oder zu hören!

    Danke & beste Grüße

    Florian Schmidgall

  2. Ist wahrscheinlich ein eher konstruierter Midlifekrisisroman, wie das Buch von Mirco Bonne. https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/08/31/lichter-als-der-tag/
    Die Idee einen offenbaren “Looser” der Schwierigkeiten mit dem Geld und seiner Frau hat, begründen zu lassen, warum die Welt so wie ist in Ordnung ist, ist wohl die geniale Idee, die das Buch beiweitem trägt.
    Mich hat die Loosergeschichte oder die Kraftlosigkeit dieses Kraft ein bißchen gestört, immerhin ist er ja Universitätsprofessor und Doppeldoktor oder so, also Ironie und die Schweirigkeiten mit seiner “herzlosen” Frau schienen mir auch zu wenig ausgeprägt, um sie sie zu verstehen. Trotzdem habe ich das Buch auf der Shortlist gesehen und das dem Autor vielleicht sogar ein wenig gewünscht.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/08/26/kraft/

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