.Neustart – Stephan Urbach (inkl. Interview)

An der Kasse unseres Buchladens liegt Stephans Buch .Neustart. Letzte Woche fragte mich eine Kundin, worum es eigentlich in dem Buch ginge. Ich halte kurz inne, es ist eine interessante Frage. Es geht um einen Menschen, der sein eigenes Ding macht, allen Umständen zum Trotz. Ein Mensch, der immer ein wenig anders war, als die anderen – ein Gefühl, was ich selbst zur Genüge kenne.

In einem Moment, wo andere Hilfe brauchen, einfach zu handeln – wie viele von uns können das von sich sagen? Stephan hat seine Talente im Netz, seine Kontakte und Ideen in der Netzaktivistengruppe “Telecomix” eingesetzt, um Menschen in Kriegssituationen, in Not und unter widrigsten Bedingungen eine Stimme zu geben und ihnen weiter Meinungsfreiheit zu ermöglichen. Er hat dafür sehr viel gegeben, sein eigenes Leben darüber vergessen, seine Gesundheit gefährdet und am Ende sich selbst.

Mich hat sein Buch so beeindruckt, wie es dieses Jahr kaum ein anderes geschafft hat. Warum? Weil Stephan da, wo andere noch diskutierten, geholfen hat. Und weil er rechtzeitig noch die Notbremse ziehen konnte, denn sonst würde dieses Buch nicht existieren. Er erzählt sehr offen von einer Zeit in seinem Leben, die sich die meisten von uns wohl kaum vorstellen können. Er schafft ein Bewußtsein dafür, was möglich sein kann, was wichtig ist, in der heutigen Welt.  Mund aufmachen, mitmischen, helfen, sich beteiligen. Und doch sagt er auch: Wir müssen auf uns selbst aufpassen. Er spricht offen über Depressionen und ihre Folgen. “Take care” möchte man ihm nach der Lektüre zurufen. Und “Danke”, dafür, dass er den Mut hatte, dieses sehr persönliche Buch zu schreiben.

Meine Kundin steht noch vor mir, nachdem ich diese kleine Rede gehalten habe. In der Hand hat sie Stephans Buch. “Gekauft – das hat mich überzeugt!” sagt sie. Mich auch, denke ich, mehr als überzeugt.

Interview mit Stephan Urbach

Lieber Stephan, schön, dass Du Dir die Zeit nimmst, ein paar Fragen zu beantworten. .Neustart ist ein sehr persönliches Buch. Was war für Dich der ausschlagende Punkt, dieses Buch zu schreiben?

Ich könnte jetzt was darüber erzählen, wie wichtig mir das alles ist und das ich diesem inneren Drang gefolgt bin, unbedingt meine Geschichte aufschreiben zu müssen… aber das wäre halt gelogen. In der Tat war das alles viel banaler: Ich lag mit einer gehörigen Portion Schmerzmittel im Krankenhaaus – ein Bandscheibenvorfall hatte mich dahingerafft – und las meine Emails und der Verlag fragte mich, ob ich nicht ein Buch schreiben wolle. Ich hab im Schmerzmittelrausch dann halt ja gesagt. (Die Blöße, dann doch noch abzusagen wollte ich mir dann nämlich auch nicht geben)

Wenn Du einen Tag lang mit uns Buchhändler*innen tauschen könntest – welches Buch würdest Du allen empfehlen?

Da gibt es nicht nur eines, es ist ein riesen Haufen. Aber wenn ich dann nur eines darf, dann ist es wohl “Ihr sollt die Wahrheit erben” von Anita Lasker-Wallfisch. Wenn das einer Kund*in zu schwer ist, kann ich ihr:m immer noch Sibylle Berg empfehlen – und zwar “Ende gut”.

Wenn Du nachts nicht schlafen kannst – was geht Dir meistens im Kopf herum?

Wenn ich nicht schlafen kann zermatere ich mir das Hirn über das, was am nächsten Tag zu tun ist. Nach ein bis zwei Stunden fällt mir dann auf, dass ich es auch einfach erledigen kann und schwupp, sind die Emails geschrieben und das Meiste erledigt – morgens um 3 und ab 4 sitze ich dann Serien schauend mit Eiscreme und Kaffee auf der Couch. Living the life, ich sags dir!


Was wäre für Dich der perfekte Tag?

Das ist gar nicht so leicht – das kommt ganz auf meine Stimmung an. Meistens hat es aber etwas mit Kaffee und Serien zu tun. Mein guilty pleasure ist, dass ich “Teenie”-Serien liebe und unheimlich viel Trash TV schaue und mich dabei diebisch amüsieren kann, so lange ich dabei Kaffee, Kippen und Eis habe (und natürlich ist der Twitterclient offen und nebenher wird noch gechattet – dafür hat uns die Schöpfung ja mehrere Monitore gegeben). An Tagen mit anderer Stimmung stehe ich total gerne auf, setze mich an den Rechner, rauche und trinke Kaffee und wurschtel vor mir hin, bis ich dann World of Warcraft starte und nach 20 Mintue nen rage-quit hinlege, weil ich mich über mein eigenes Unvermögen aufrege. Das ist dann der Augenblick, an dem ich anfange, zynisch das Weltgeschehen zu kommentieren und wild in eines meiner Blogs schreibe. Mein Kommentarmoderationsteam hat da immer ein wenig Angst vor.


Gibt es einen Spruch, den Du gerne als Ratschlag weitergibst? 

Kind, werd was anständiges und werd Wandermusikant. Mach ja nix mit Bank oder Versicherung. Zur Not werd halt Schriftsteller. Aber dann auch anständig.

Lieber Stephan, Danke für das Interview – ich freue mich sehr auf deine Lesung aus .Neustart!

Gerne doch. Ich freu mich auch (und bin total nervös!)

Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid auf .Neustart, könnt ihr hier auf pinkfisch.net eine signierte Ausgabe gewinnen. Schreibt mir in die Kommentare, warum Ihr das Buch gerne lesen möchtet. Am 11. Oktober lose ich unter allen Einsendungen eine/n Gewinner*in aus! Good Luck!

 

Titelbild: Michael Horn

 

 

Königreich der Dämmerung von Steven Uhly

Eine echte Herausforderung, dieses Buch. Konträr zu Glückskind und doch hat es eines damit gemein: Uhly versteht sich darauf, in jeder Geschichte die Gefühle der Menschen sehr genau zu erfassen. Ich habe lange für diesen Roman gebraucht, manchmal konnte ich das Leid und die Trauer, die über dieser Nachkriegszeit liegt schwer aushalten, zu unfassbar sind die Geschehnisse. Und doch ist es ein Roman, bei dem ich froh bin, dass ich ihn nicht vorschnell aus der Hand legte: denn er gibt der Vergangenheit eine Stimme, allen, die an ihr mitgewirkt haben, was sich manchmal schwer ertragen lässt und doch ist es so wichtig, davon zu erzählen. Uhly zeigt, wie die Geschehnisse bis in die heutige Zeit reichen, sich verästeln und immer noch nachwirken. Ein intensiver Roman, in dem wir den Autor von einer ganz neuen Seite kennenlernen. Uhly selbst sagt, es wäre ein Buch über das Leben. Ich kann nach der Lektüre sagen: es ist auch ein Buch vom “über-leben”.

Finn remixed – Oliver Uschmann

Endlich wieder Finn! Diese Reihe für Jungs ab 12 ist einfach ein Geschenk für jugendliche Leser – witzig und mit einer gehörigen Portion Coolness. Auch der dritte Band um Finn, Lukas und Flo ist wieder gelungen, auch wenn ich ein paar klitzekleine Abstriche machen möchte – die ein oder andere Idee hätte ruhig mehr ausgeführt werden können, so wirkte es hier und da ein wenig gehetzt bzw. wurde nicht alles schlüssig geklärt. Einige Seiten mehr hätten mir gut gefallen. Trotzdem: Lesefutter und bei uns eine der beliebtesten Reihen.

Log out! – Oliver Uschmann/Sylvia Witt

Hier haben die beiden Autoren wieder ein Jugendbuch nach meinem Geschmack geschrieben: interessanter Plot, die Verbindung von moderner Technik mit dem gleichzeitigen Wunsch, etwas eigenes, anderes zu tun und auszubrechen. 100 Tage „Log out“ – ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Wohnung aber mit einem Blog, der über die Geschehnisse berichtet. Mir gefällt es, wie die beiden die aktuelle Nachrichtenkultur und Trends ein wenig demontieren, mit leiser oder auch mal lauterer Kritik, aber stets mit viel Witz und unerwarteten Wendungen. Wieder ein schöner Schmöker, meiner Meinung nach auch für Jugendliche, die sonst eher weniger zum Buch greifen – hier bekommen sie intelligente Unterhaltung ohne moralischen Zeigefinger, dafür mit viel Identifikationspotential.

Erdenrund – Oliver Uschmann/Sylvia Witt

Ich mag die Reihe ja sehr, das kann man nicht verleugnen. Dieser Band war auch noch erfreulich dick, also versprach ich mir Lesevergnügen, welches ich auch hatte. Und wieder Spaß an vielen abstrusen Ideen. Allerdings hatte die ein oder andere Episode (obwohl ich es toll fand, die verschiedenen Perspektiven zu erfahren) einfach Längen. Diese mögen der Entwicklung und der deutlich ernsteren Töne der Figuren geschuldet sein. Das war ein wenig schade, weil ich dadurch deutlich öfter Pausen gemacht habe und das Buch ne Weile gebraucht hat, bis es durchgelesen war. Fürs nächste Buch wünsche ich mir : etwas kompakter – back to the roots

Finn reloaded – Oliver Uschmann

Der nächste Teil rund um Finn und seine beiden Kumpel. Ich kann mich nicht entscheiden, welchen Band ich lieber mag: der erste bestach durch seine Frische und die Idee, der zweite punktet damit, dass man diese drei Jungs schon so ins Herz geschlossen hat – und damit, dass er einfach wieder toll ist. Ich bin froh, dass ich die Bücher auch im Laden Stück für Stück an den „Mann“ bringe – sie haben den Erfolg ohne Wenn und Aber verdient!

 

Glückskind – Steven Uhly

Wo soll ich beginnen, wo enden? An diesem Buch ist einfach rundherum alles besonders! Fangen wir ausnahmsweise mal mit der Gestaltung an. Das Buch liegt weich in der Hand, der rote Umschlag wirkt als ob das Papier handgeschöpft sei – edel und fragil zugleich, er fällt auf. Auch das Innere ist mit soviel Liebe und Sorgfalt gestaltet – man blättert durch die ersten drei Seiten und hat das Gefühl, der Verlag hat dem Buch extra schöne Kleider angezogen um dem großartigen Inhalt gerecht zu werden. Allein damit hatte mich “Glückskind” schon für sich eingenommen. Und das Buch war – so, so schön!

Es war an einem grauen Oktobertag ein echter Lichtblick, ein Buch voller Hoffnung, ein Buch in dem Dinge möglich werden. Obwohl die Thematik, Hans D. findet in einer Mülltonne ein ausgesetztes Baby, nun nicht gerade eine heitere Handlung verspricht und es auch keinerlei Wunder oder fantastische Elemente enthält. Aber was dieser Fund im Leben von Hans ins Rollen bringt, wie er reflektiert, sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, sich des Kindes annimmt und dabei von unerwarteter Seite Hilfe bekommt – das liest sich so besonders, so berührend,  ich finde es schwer, dafür Worte zu finden. Uhly bedient sich einer ruhigen, gesetzten Sprache, hier finden sich keine blumigen Beschreibungen. Hier findet sich Leben. Geliebt werden. Und ein Neuanfang.

Ich bin sehr begeistert und das Buch verdient definitiv noch sehr viele Leser!

Finn released – Oliver Uschmann

Ich mag die Figuren von diesem Autor einfach unheimlich gern. Genauso wie die Geschichten die er sich ausdenkt. Also eigentlich alles. Und überhaupt: nun hat er schon wieder ein tolles Jugendbuch geschrieben, welches mich unterhalten hat, amüsiert hat, mit glaubhaften Jungs, einer verrückten Spielidee und dem Quentchen Verrücktheit, dass es braucht damit man ein Buch so richtig wegzischt. Oliver Uschmann, Sie müssen damit aufhören, mir fällt langsam nicht mehr ein, wie ich noch sagen soll: ihre Bücher sind genial! Mehr davon!

Nicht weit vom Stamm – Oliver Uschmann

Bekanntermaßen bin ich großer Oliver Uschmann Fan und war schon von “Das Gegenteil von oben” seinem ersten Ausflug ins Jugendbuch sehr angetan. Mit “Nicht weit vom Stamm” hat er das für mich aber nochmal deutlich übertroffen. Ich glaube dieser Mann geht mit absolut offenen Kanälen durchs Leben und zieht aus jedem noch so kleinen Ereignis Inspiration. Dieser Roman ist nur so gespickt mit tollen Ideen, noch dazu spannend, nimmt kein Blatt vor den Mund und macht auch nicht vor schwierigen Themen Halt.

Ich hätte sowas als Jugendlich unglaublich gerne gelesen, mir gefällt das Sven, der hier die Hauptfigur ist zwar seinen Weg findet, das aber kein bisschen gradlinig tut – Abstürze, Besäufnisse und Enttäuschungen sind hier an der Tagesordnung. Noch dazu rechnet Uschmann durchaus offen mit so einigen gesellschaftlichen Phänomenen ab. Und doch merkt man: das aus Sven etwas wird, liegt dem Autor am Herzen und er schreibt diesen Roman mit soviel Rumms und Glauben an Sven das ich beim Lesen einfach nur begeistert war. Daumen hoch!