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Wir hier draußen (Eine Familie zieht in den Wald) – Andrea Hejlskov

Manchmal begegnet einem ein Buch, welches man aufschlägt, es nur kurz aus der Hand legt, um sich ein Käsebrot zu machen um dann direkt weiterzulesen. Ehrlich gestanden hatte ich das bei diesem Buch so nicht erwartet und je weiter ich las, desto mehr wuchs meine Begeisterung, weil mich diese Geschichte so überraschte!

Ich bin nun wahrlich nicht das, was man einen waschechten Outdoor-Fan nennt, keine enthusiastische Camperin oder stundenlange Waldspaziergängerin. Aber mich fasziniert es, angefangen bei Thoreaus Walden, dass Menschen sich in dieses einfache Leben in der Natur begeben – und diese Natur kann nicht nur wunderschön, sondern auch sehr unbarmherzig sein.

Andrea Hejlskov hat diesen Schritt gewagt, sie zog, nicht alleine, sondern mit ihrem Mann und ihren vier Kindern (!) in eine Hütte im schwedischen Wald. Was hatte ich also erwartet? Eine Schilderung darüber, dass das Leben in der kleinen Hütte zwar hart und ungewohnt war, aber dass es alle Strapazen wert sei und sich ihr Leben danach sehr zum Guten verändert habe. So in etwa. Weit gefehlt. Die Autorin erzählt uns sehr ehrlich davon, wie es zu ihrem Wegzug kam. Ein Befreiungsschlag, ein Versuch, ihre Familie, die schon lange im Haus getrennte Wege ging, wieder näher zueinander zu bringen. Das Gefühl, nur noch zu rennen, nie genug Zeit und Geld zu haben. Nicht die Mutter zu sein, die sie gerne sein wollte. Die stille Hoffnung darauf, dass ihr Mann Jeppe, der seit Jahren unter Depressionen litt, in diesem Umfeld zur Ruhe kommen könnte.

Sie erzählt vom Scheitern, davon, dass manche Probleme mit uns reisen.

Angefangen dabei, dass der Alltag im Wald und in einer Hütte schon völlig neue Tagesabläufe schafft, eine andere Art von Arbeit und Zeitgefühl und dennoch mancher Reibungspunkt des Alltags auch im Wald derselbe bleibt. Dass es befreiend sein kann, nur wenig zu besitzen und gleichzeitig das Fehlen der üblichen Strukturen bei Krankheit schnell auch lebensgefährlich werden kann. Gleichzeitig beschreibt sie manche Entwicklung der Kinder im neuen Zuhause so zart und liebevoll, dass man die Szenen leibhaftig vor Augen hat. Sie ist schonungslos, sie erzählt von ihren Fehlversuchen, von Enttäuschungen und temporären Weggefährten. Und dann, immer wieder, von neuem Mut, auch wenn der Gedanke ans Aufgeben mehr als einmal kommt.

Denn auch, wenn in diesem ersten Jahr wirklich sehr viel schiefgeht, es bestärkt trotzdem den Beschluss der Familie, dass dieses Leben im Wald das ist, was sie wollen. Ohne Zeitpläne, mit der Freiheit, nach den eigenen Bedürfnissen zu leben, ganz bewusst mit wenig Geld und ohne festen Job auszukommen.  Und auch heute leben sie, mittlerweile in einem anderen Wald, noch in der Natur, ohne fließendes Wasser oder Strom.

Mich hat dieses Buch vorallem wegen ihrer Aufrichtigkeit tief beeindruckt.

Hier wird ehrlich über einen Weg gesprochen, den sicher nicht jeder gehen würde, hier gibt es eine tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst darüber, was nötig ist, für ein gutes Leben. Wie sich unsere Welt entwickeln wird, wenn die Ballungsräume in den Städten weiter so explodieren und das Leben auf dem Land und in den Außengebieten abnimmt. Und doch hat sie kein Manifest geschrieben, keinen Aufruf, alles stehen und liegenzulassen und mit den eigenen Händen ein Blockhaus zu bauen, denn sie hat am eigenen Leib erlebt, dass auch diese Art zu leben nur eine von vielen möglichen Varianten ist. Aber sie macht einen verdammt nachdenklich. Sie berührt mich, mit ihrem Denken, ihrem Kämpfen und ihrem Mut. Und das ist es, was ein Buch zu einem besonderen Buch machen kann. Wenn man diejenige, die da schreibt, spürt. Und ihr atemlos zuhören möchte, bis zur letzten Seite.

 

 

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