Die Kunst zu lesen – Frank Berzbach

Die Bücher, die in unseren Regalen stehen,  können uns viel über ihre jeweiligen Leserinnen und Leser erzählen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir während der Lektüre von „Die Kunst zu lesen“ nicht nur stetig unsere Leselisten füllen, sondern gleichzeitig auch noch den Autor Frank Berzbach besser kennenlernen. Wenn ein Mensch über die Dinge, die er schätzt und zelebriert mit solcher Passion schreibt, mal sehr persönlich und dann auch wieder universell, dann ist das ein großes Glück für uns Leser*innen.

Mitgenommen, hier und da geradezu mitgerissen zu werden von Gedankenanstößen und Bewunderung, das ist wunderbar. Und gleichzeitig den eigenen Gedanken nachzuspüren, sich an unsere Lesebiographie zurückzuerinnern. Lust bekommen auf Neues und Altbewährtes zugleich.

Über dem Buchtitel dieses wunderbar gestalteten Buches (Cover von Huyen Truong, Illustrationen von Ada Romanova, Satz Jenna Gesse) steht „Ein Literaturverführer“ und selten war eine Beschreibung so treffend – wenn irgendjemand die Kunst der Verführung zu Schönem beherrscht, so ist es Frank Berzbach.

Leseexemplar

The Nothing Man – Catherine Ryan Howard

Bekanntermaßen lese ich selten Krimis. Damit das überhaupt passiert, muss mich die Grundstory sofort anfixen und neugierig machen. Das war bei „The Nothing Man“ der Fall:

«Ich war das Mädchen, das den Nothing Man überlebte. Jetzt bin ich die Frau, die ihn fassen wird.»

So beginnt das True Crime-Memoir «The Nothing Man», das Eve Black über die verzweifelte Suche nach dem Mann geschrieben hat, der vor nahezu zwanzig Jahren ihre gesamte Familie tötete. Dem Mann, der nie Spuren hinterließ.

Supermarkt-Wachmann Jim Doyle hat den Bestseller auch und je mehr er liest, desto größer wird seine Wut, denn er war – er ist – der Nothing Man. Seite um Seite wird ihm bewusst, wie gefährlich nah Eve der Wahrheit kommt. Er weiß, dass sie nicht aufgeben wird, bis sie ihn gefunden hat. Er hat keine Wahl: Bevor sie sein Leben zerstört, muss er das vollenden, was ihm 20 Jahre zuvor nicht gelungen ist: Eve töten.

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Was wir Frauen wollen – Isabel Allende

Isabel Allende, eine Autorin mit einer unglaublich großen Leser*innenschaft. Wer noch nichts von ihr gelesen hat, hat meist zumindest von ihr gehört. Mit „Das Geisterhaus“ und „Paula“ wurde sie weltbekannt. Auch ich habe einiges von ihr mit großer Begeisterung gelesen (wenn auch nicht alles, wir hatten so unsere Ups and Downs). Nun also „Was wir Frauen wollen“ – der plakative Titel ließ mich gleichzeitig aufhorchen und auch etwas skeptisch werden – wie würde Isabel Allende das Thema wohl angehen?

Eingebettet in ihr eigenes Leben erzählt Allende davon, warum sie schon im Kindergarten Feministin war. Sie wirft einen Blick zurück und lässt uns teilhaben. Was ich daran geliebt habe, ist wie sie bei dieser Rückschau gleichzeitig die Zukunft mit im Blick hat. Das ist wirklich eine der großen Stärken dieses Buches, dass sie immer wieder versucht, die Brücke zwischen den Generationen zu schlagen, zu ihrer eigenen Mutter, zu ihren Kindern und ihren Enkeltöchtern. Diese respektvolle Art, anzuerkennen, was war und gleichzeitig offen zu sein, für die Entwicklung der letzten Jahre, das finde ich sehr stark. Was wir Frauen wollen – Isabel Allende weiterlesen

Eine ganze Welt – Goldie Goldbloom

Angesiedelt in einer chassidischen Gemeinde in Brooklyn wird hier eine Familiengeschichte erzählt, in der das Ungesagte einen immer größeren Raum einnimmt. Denn was ist, wenn all das, woran Du dein Leben lang geglaubt hast, was Dich im innersten ausmacht und in dem Du dich auch glücklich gefühlt hast, in Frage gestellt wird?

Es ist nicht nur die Geschichte der Familie und dieser Gemeinde, ihre Rituale und Gepflogenheiten die mir Goldbloom näher bringt, die mich für dieses Buch einnehmen. Es sind die vielen Fragen, die aufgeworfen werden. Was macht eine lange Ehe aus? Wie gut kann man sich jemals wirklich kennen? Welche Auswirkungen hat Schweigen und Verleugnung innerhalb einer Familie? Und nicht zuletzt – welchen Einfluss haben unsere getroffenen Entscheidungen auf unser Leben?

Leseexemplar

Unzertrennlich – Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom

Als das Ehepaar Marilyn und Irvin D. Yalom erfahren, dass Marilyn schwerkrank ist und sie nicht mehr lange zu leben hat, ist das Paar, das seit 65 Jahren verheiratet ist, tief erschüttert. Marilyn, die als Kulturwissenschaftlerin und Autorin arbeitet, schlägt Irvin vor, ein Buch über diese letzten Monate zu schreiben. „Unzertrennlich – über den Tod und das Leben“ wird das erste und gleichzeitig auch das letzte Buch, was dieses außergewöhnliche Ehepaar gemeinsam verfassen würde. Unzertrennlich – Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom weiterlesen

Die Happy Ever After Reihe – Jenny Colgan

Ein kleines Nest in den schottischen Highlands, in dem das Wetter innerhalb von Minuten umschlägt (meist in Regen) und die Dorfgemeinschaft ihre ganz eigenen Schrulligkeiten mitbringt, dabei aber genauso liebenswert ist. In diesem Setting hat Jenny Colgan ihre „Happy Ever After“-Reihe angesiedelt, die bisher drei Bände umfasst, in deren Handlungszentrum jeweils eine junge Frau steht, die aus ganz unterschiedlichen Gründen in diesem Dorf landen. Letzten Sommer las ich, ohne zu wissen, dass es sich um eine Reihe handelte, den mittleren Band, einfach nur, weil er im englischen Original „The Bookshop on the shore“ hieß (Auf Deutsch: Wo Dich das Leben anlächelt. Ich kannte Jenny Colgan bereits von „Die kleine Bäckerei am Strandweg“, eines jener charmanten Bücher, die man im Buchladen dutzende Male verkauft und sich jedesmal darüber freut. Die Happy Ever After Reihe – Jenny Colgan weiterlesen

Atelier Pinkfisch – das Making Of

A room of One’s Own. Vor sechs Jahren schrieb ich einen meiner größten Wünsche auf einen Zettel und steckte ihn in einen Umschlag: „Einen Raum, ganz für mich allein“. Es war der schon lang gehegte Traum, irgendwann einmal mehr als nur eine kleine Ecke zum Schreiben und Kreativ sein zu haben. Nur wenige Wochen später verloren wir durch einen Brand unsere damalige Wohnung und einen Teil unseres Besitzes. Der Wunsch rückte in weite, weite Ferne. Wir wohnten übergangsweise bei meinen Schwiegereltern, nach drei Monaten zogen wir dann, glücklich, überhaupt etwas gefunden zu haben, in eine kleine Wohnung. Ich suchte mir meine Ecken, schrieb überall und war auch nicht unglücklich damit. So war die ganze Welt mein Raum zum Schreiben, auch wenn ich mir oft eine Tür wünschte, die ich hätte schließen können.

Nachts lief ich durch die Straßen, schaute in erleuchtete Fenster, ich schaute sehnsüchtig auf Gartenhütten und zu ausgebauten Dachböden hinauf. Gab es irgendwo „ein eigenes Zimmer“ für mich? Würde sich dieser Wunsch irgendwann einmal erfüllen lassen? Jahre später fand uns dann völlig überraschend ein Haus (anders kann man das einfach nicht sagen!) und es eroberte es mich im Sturm. Denn im Nebengebäude befand sich zu dieser Zeit ein Atelier, noch vollgestellt mit Farben, Staffeleien und Bildern über Bildern. In den letzten Monaten leerte sich dieser Raum nach und nach, es war ein Prozess und ein Abschiednehmen. Auf eine gewisse Weise wurde so auch noch einmal dem Künstler und den vielen Stunden in denen er dort malte und Bilder entstehen lies, eine letzte Ehre erwiesen. Bevor ich also das erste Mal das zukünftige #AtelierPinkfisch betrete, atme ich tief durch. Und als ich den Schlüssel umdrehe und die ersten Schritte in den Raum mache, spüre ich, wie mich ein unendlich tiefes Glücksgefühl überkommt. Ich drehe mich, lasse alles auf mich wirken, öffne die Fenster um frischen Wind hereinzulassen und kann mich nicht entscheiden ob ich lachen oder weinen soll. Nach all den Jahren ist aus dem auf einen Zettel gekritzelten Wunsch Wirklichkeit geworden. Ich bin endlich zuhause.

Eine glückliche Pinkfisch
Das offizielle Einzugsfoto

Am 14. März 2021 nahm ich also das Atelier Pinkfisch in Besitz. Es hieß Ärmel hochkrempeln und auf in die Renovierungsarbeiten, denn so ziemlich alles brauchte ein bißchen Liebe und frische Farbe. So sah es vorher aus:

Das klassische Vorher-Bild
Ein Atelier-Panorama vom Vorher-Zustand

Zunächst kamen die Tapeten runter, im Anschluss wurden die vorhandenen Anschlüsse erweitert, die alten Lampen entfernt und immer wieder gekehrt.

Let‘s work!

Tapezieren – definitiv kein einfacher Job, vor allem die Decke kostete uns so einige Nerven. Aber irgendwann war auch dieses ToDo erledigt. Währenddessen warteten auch noch die auf eBay Kleinanzeigen ergatterten Schreibtische auf mich, die einen neuen Anstrich bekamen, ebenso wie eine hergeschenkte Kommode, die bei mir nochmal ein neues Leben bekam.

Die alten Tische in neuem Glanz
Die neue Tapete

Eigentlich hatten wir die Hoffnung, mit der Tapete den anstrengendsten Teil erledigt zu haben, doch auch die Verlegung des Bodens forderte einiges an Power und Kreativität – gerade Linien suchte man hier oft vergebens.

 

 

Boden legen

Im Anschluss ging es dann allerdings Schlag auf Schlag: Die Schreibtische fanden ihren Platz, Bilder, Leisten und Regale wurden aufgehängt und die Schreibmaschinen konnten einziehen. Kistenweise Schreibmaterial, Pinke Deko, meine kreative Bibliothek und schlicht schöne und inspirierende Dinge wurden herübergeschleppt. Ein ausrangierter Badschrank wurde zum Bücherregal und Inspiration Wall, das alte Regal des Vorbesitzers beherbergt nun meine sieben Schreibmaschinen. Die alten Gardinen durften ein pinkes Farbbad nehmen und erhellen nun den Raum.

Das erste Probe-Stellen im Atelier Pinkfisch
Umzugschaos
Die kleine Leseecke im Atelier
Der linke Schreibtisch

 

 

 

Die Kommode und das Fenster

Natürlich gibt es immer noch so einiges zu tun: das Waschbecken bekommt noch einen neuen Wasserhahn, die ein oder andere Fußleiste fehlt noch und ein kleines Regal für einen Wasserkocher. Vielleicht sogar die ein der andere Pflanze und ein Teppich…aber, das findet sich. Die allermeisten Dinge im Atelier sind gebraucht, umfunktioniert, neu bemalt oder verschönert. Und da ich es nicht eilig habe, dürfen die nächsten Dinge, die einziehen werden kommen, wenn ich sie finde. Fühlt sich gut an.

Und nun sieht es so aus…

Atelier Pinkfisch
Alles so schön Pink
In der Abendsonne
Pinkfisch im Atelier

 

 

Radikale Selbstfürsorge jetzt! – Svenja Gräfen

Ich glaube, dass dieses Buch für viele Menschen gerade zur richtigen Zeit kommt. Beim Lesen fühlt es sich an wie eine Mischung zwischen einer intensiven Therapiesitzung und einem ermutigenden Gespräch mit einer Freundin, die dich wirklich gut kennt. Denn Selbstfürsorge, soviel ist nach diesem Buch einmal mehr klar, ist mehr als die Wanne mit dem teuren, fancy Badeschaum und fünf Minuten durchatmen während der Kaffeepause. slingaillustration. Radikale Selbstfürsorge jetzt! – Svenja Gräfen weiterlesen

New York Ghost – Ling Ma

Für mich ist „New York Ghost“ von Ling Ma DIE Entdeckung aus den Programmen der unabhängigen Verlage in diesem Frühjahr. Candace Chen arbeitet in New York City für einen Verlagsdienstleister. In ihren Zuständigkeitsbereich fällt die Organisation der Herstellung von zielgruppenorientierten Bibeln, ein etwas langweiliger Job, den sie mit einer gewissen Akribie ausfüllt, obwohl er ihr nichts bedeutet. Ihre eigentliche Leidenschaft gilt der Fotografie, die sie auf den Straßen New Yorks auslebt und anonym auf ihrem Blog New York Ghost postet. Auch, als sich die Stadt langsam verändert und immer mehr über das sogenannte Shen-Fieber gesprochen wird, das durch tödliche Pilzsporen übertragen wird und als unheilbar gilt, geht Candace weiter pflichtbewusst ihren Aufgaben nach und dokumentiert die Ereignisse.

Gerade dieser Teil der Handlung wirkt im Jahre 2021 in Zeiten einer weltweiten Pandemie unglaublich aktuell. Die Realität hat das, im englischen Original bereits 2018 erschienene Buch, eingeholt und die ein oder andere Szene kommt einem beim Lesen erschreckend bekannt vor – eine sehr eigene Leseerfahrung. Als die Stadt immer leerer wird, muss Candace eine Entscheidung treffen und schließt sich einer fliehenden Gruppe an, die bisher vom Fieber verschont wurde – doch hat sie damit die richtige Entscheidung getroffen?

 

Wir als Leser*innen verfolgen mit angehaltenem Atem, wie Menschen reagieren, wenn ihre Routinen und ihr Halt wegfällt und sie Gefahren ausgesetzt werden. Ling Ma schafft es, eine hochspannende und kapitalismuskritische Endzeit-Geschichte vor New Yorker Kulisse zu erzählen. Und gleichzeitig eindringlich in Rückblenden die Erfahrungen und die Familiengeschichte von Candace‘ Eltern zu schildern, die mit der jungen Candace, als sie sechs Jahre alt ist, von China in die U.S.A. emigrieren. So werden wir Lesenden immer wieder aufs Neue von diesen unterschiedlichen Perspektiven in den Roman hineingesogen.
Ein krasser, beeindruckender Hammer von einem Buch!

Tove Jansson – Tuula Karjalainen

Künstlerin. Autorin. Politische Karikaturistin. Aber auch Tochter, Schwester, Freundin und Geliebte. 

Die meisten Menschen kennen den Namen von Tove Jansson im Zusammenhang mit den Büchern und Comics der Mumins, mit denen sie weltberühmt wurde. Ich liebe die Mumins persönlich sehr, doch würde es viel zu kurz greifen, diese außergewöhnliche Künstlerin nur auf diese Geschichten zu reduzieren. In dieser, mit vielen Bildern angereicherten Biografie von Tuula Karjalainen (übersetzt aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen und Regine Pirschel) erfahren wir von einem bewegten Leben. Erleben sie als innig mit der Familie verbundenen Menschen, vor allem mit ihrer Mutter Signe, genannt Ham, die ihr von Kindesbeinen an das Zeichnen beibrachte. Wir lesen vom schwierigen und doch intensiven Verhältnis zu ihrem Künstler-Vater Viktor, genannt Faffan. Beide Elternteile prägen Toves Leben sehr.

Zerrissen zwischen Kunst und Schrifstellerei

Wir verfolgen ihren Weg, in dem sie immer wieder zerrissen ist zwischen der Kunst und der Schriftstellerei – bevor die Mumins international bekannt werden, plagen sie oft große Geldsorgen. Als politische Karikaturistin beweist sie während der Kriegsjahre großen Mut und ihre pazifistische Haltung zeigt sich deutlich in ihren Zeichnungen. Vieles erfahren wir aus ihren ausführlichen Briefwechseln mit engen Freundinnen und sie führte einige Beziehungen, sowohl mit Männern als auch mit Frauen, bis sie ihre Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä kennenlernt, mit der sie viele gemeinsame Jahre  bis zu ihrem Tod 2001 verbringt.

Die Künstlerin Tove Jansson, ihre Bilder und ihr Leben beeindrucken und inspirieren mich zutiefst, was für eine Frau! Gerade die Bilder lassen mich dieses Buch immer wieder in die Hand nehmen zum Blättern und Betrachten. Wunderbar, dass man ihr mit dieser ausgesprochen lesenswerten Biografie endlich das Denkmal gesetzt hat, welches sie verdient. 

Zur Blogpost zur Themenwoche „Tove Jansson entdecken mit Pinkfisch“ bitte hier entlang!