Ein neuer Pfad zum Wasserfall – Raymond Carver

Dieser Gedichtband hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht und ja, er hat mich berührt, mehr, als ich das im Vorhinein gedacht hätte.

Carver schrieb diese Gedichte in dem Wissen, dass er sehr krank war und seine Ärzte ihm nur noch etwa ein Jahr zu leben gaben. Als ich die Einleitung seines Übersetzers Helmut Frielinghaus las, erwartete mich die erste Überraschung, denn dieser hatte sich nicht nur intensiv mit Carvers Werk auseinandergesetzt, sondern teilte Carvers Erleben, denn auch er war schwer krank und verstarb im Januar 2012. Die Übersetzung von Carvers Gedichten war das letzte, woran er gearbeitet hatte.

Die nächste Besonderheit besteht im Aufbau. Carver und seine zweite Frau Tess, die den Band mit ihm gemeinsam zusammenstellte, stellten seinen eigenen Gedichten Werke anderer Autoren, allen voran Tschechow, aber auch Tranströmer und Milosz, an die Seite. Die Inspiration dazu fand Carver bei Czeslaw Milosz. Das hat einen ganz eigenen Reiz, weil die Gedichte auf eigentümliche Weise oft ineinanderzugreifen scheinen und der Leser/die Leserin eigene Entdeckungen macht. Carver las viel in seinem letzten Jahr und die ausgewählten Gedichte und Versatzstücke anderer in einem Guß mit seinen Worten lesen zu können, das hat etwas sehr Intimes. Es ermöglicht uns eine Art zweiten Blick auf seine Gefühlswelt und den Stellenwert von Literatur in seinem Leben.

Seine Gedichte berühren mich, sie lassen mich still werden und ich versinke in den Worten. Es sind kleine Geschichten, kurze Schlaglichter, sie erzählen von Momenten, in denen sich das Leben verändert, sie handeln von Trauer, Verlust aber auch von Zufriedenheit, von Lebenslust und der Liebe. Und sie handeln von Abschied und mehr als einmal muss ich ein paar Tränen wegwischen. Wegen Gedichten wie “Spätes Fragment“.

Spätes Fragment
Und – hast Du bekommen, was
Du haben wolltest von diesem Leben, trotz allem?
Ja, hab ich.
Und was wolltest Du?
Sagen können, dass ich geliebt werde, mich geliebt
fühlen auf dieser Erde.

Die letzte Überraschung liegt in dem liebevollen Nachwort, dass seine Frau Tess diesem Band hinzufügte. Sie schreibt über die letzten Monate mit ihrem Mann, sie beschreibt das Entstehen von einigen Gedichten und die Geschichten dahinter. Das Nachwort ist ungeheuer packend und spannend, ich habe es gleich mehrfach gelesen. Was für ein Geschenk, dieses nochmalige Vertiefen in Carvers Schaffen.

Was bleibt zu sagen? Alles, was ich bisher von Carver gelesen habe, hat mich beeindruckt, ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Ich darf mich glücklich schätzen, einiges noch nicht zu kennen, denn so bleibt immer noch etwas, auf das ich mich freuen darf.

[Zitat aus "Ein neuer Pfad zum Wasserfall" von Raymond Carver, S. 128, S. Fischer Verlag, Fischer Klassik, erscheinen 2013]

 

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