How to read Murakami – Zehn Wegweiser

Wenn ich nach meinem Lieblingsautor gefragt werde, kommt die Antwort ohne Zögern: Haruki Murakami. Die zweite Frage, die so gut wie immer folgt ist: Was ist dein Lieblingsbuch von ihm ? – auch das beantworte ich sekundenschnell: Kafka am Strand! Aber es gibt noch eine weitere Fragestellung, die regelmäßig aufkommt:

Was sollte ich denn nun zuerst von ihm lesen? Oder womit weitermachen, wenn ich Feuer gefangen habe? Sein Werk ist groß – ich brauche Orientierung!

Was gäbe es für einen besseren Anlass, als die am 13.10.2020 erscheinende Neuübersetzung von “Mister Aufziehvogel / Die Chroniken des Aufziehvogels” (durch the one and only Ursula Gräfe direkt aus dem Japanischen) um diese Fragen in einem Blogbeitrag zu beantworten? Ich habe seine Bücher in zehn Kategorien aufgeteilt, die euch vielleicht ein wenig als Wegweiser dienen können, angereichert mit meiner ganz persönlichen Leseerfahrung – jemand anders würde vielleicht ganz anders sortieren, was es umso spannender macht! Erzählt mir gerne in den Kommentaren, wie es euch mit Haruki Murakami so ergangen ist, welche Kategorieren ihr vielleicht gewählt hättet – ich bin gespannt!

Ihr seid bereit? Los geht es!

How to read Murakami … als Anfänger*in

Einen super Einstieg bekommt ihr, wenn ihr mit zwei meiner liebsten Kurzgeschichten anfangt “Die Bäckerreiüberfälle“. Die Illustrationen von Kat Menschik sind so passend und in diesen beiden Geschichten findet ihr sofort so vieles, was Murakami ausmacht. Wenn ihr dann denkt: Okay, ich brauche mehr davon!” lest ihr “Wie ich eines schönen Morgens im April das 100% Mädchen sah” – vorallem die titelgebende Geschichte rührt mich jedes einzelne Mal zu Tränen. So wunderbar (und mein liebster Kurzgeschichtenband!).

Ihr habt euch warmgelaufen, ihr seid bereit für euren ersten Roman. Auch für mich war “Naokos Lächeln” einer meiner ersten Murakamis und auch, wenn die Geschichte unter die Haut geht und sehr traurig ist, ist sie eine seiner eher zugänglicheren Geschichten. Auch hier spielt, wie in vielen von Murakamis Büchern, ein Musikstück eine besondere Rolle – Norwegian Wood – für mich für immer untrennbar mit der Melancholie dieses Buches verbunden. Für viele ist “Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki” seit seinem Erscheinen “der” Einsteigermurakami – wohl auch, weil er sich im Gegensatz zu anderen Romanen recht fest in der Realität verankert – das kann man als Vorteil oder als Nachteil sehen

How to read Murakami … als Kurzgeschichten-Fan

Wer Kurzgeschichten liebt, wird bei Haruki Murakami voll auf seine Kosten kommen! In Der Elefant verschwindet findet sich die Kurzgeschichte “Schlaf“, die ich ebenfalls sehr liebe und wegen der ich irgendwann auch Anna Karenina lesen werde (auch diese gibt es in einer illustrierten Ausgabe von Kat Menschik, tatsächlich eines der wenigen Bücher, die ich noch nicht besitze!) Blinde Weide, schlafende Frau erschien auf Deutsch 2006, die zuletzt erschienen Kurzgeschichten finden sich in Von Männern, die keine Frauen haben, auf Deutsch erschienen 2014. In den beiden letztgenannten geht er ein wenig neue Wege, hat seinen Stil etwas mehr verdichtet, dennoch erzeugen sie ähnliche Gefühle beim Lesen, wie seine ersten beiden Kurzgeschichtenbände.

How to read Murakami … als Dicke-Wälzer-Genießer*in

Nun geht es in die Vollen – denn Murakami kann nicht nur die Kurzstrecke gut, im Gegenteil – Mammutwerke mit 500+ Seiten gibt es einige von ihm! Die bereits erwähnte Neuübersetzung Die Chroniken des Aufziehvogels bietet satte 1005 Seiten (zum Vergleich – die Übersetzung aus dem Englischen im Taschenbuch hat 765 Seiten – was zum Teil auch an Kürzungen des englischen Übersetzers Jay Rubin liegt). Zum Glück können wir dieses Werk bald noch einmal ganz neu genießen und erfahren. Zum Einstieg in seine etwas dickeren Werke würde ich allerdings Kafka am Strand empfehlen – warum ich sein Buch so sehr liebe, habe ich hier noch einmal in Langform aufgeschrieben. Es ist der Roman von Murakami, den ich in meinen 17 Jahren als Buchhändlerin wohl mit Abstand am meisten verkauft habe. Die Sandsturm-Szene, mein Herz…nun, ich schweife ab und wir haben noch einiges vor uns!

Wer Kafka gemeistert hat, kann direkt mit Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt weitermachen – schräg, skurril und sehr abgefahren, einer der deutlich am phantastischsten Romane Murakamis. Wer gerne noch etwas Spannung dazu mag und trotzdem eine langsame Erzählweise und ein paar Geheimnisse schätzt, greift zu den drei Bänden in zwei Büchern von 1Q84 (auch wieder mit fantastischer Musik, die Sinfonietta von Leoš Janácek ist einer meiner heißgeliebtesten Stücke aus Murakamis Welt…). Zuletzt erschien Die Ermordung des Commendatore: Eine Idee erscheint und Die Ermordung des Commendatore: Eine Metapher wandelt sich – die Geschichte ist in der Kunstwelt angesiedelt.Ich habe mich wahnsinnig gefreut, endlich wieder in Murakamis Welt zu versinken, empfand den ersten Band im Nachhinein etwas stärker als den zweiten, würde aber vermuten, dass das auch der Wartezeit zwischen dem Erscheinen des zweiten Bandes geschuldet gewesen sein könnte. Diese beiden Bände kamen, auch bei vielen Langzeit-Fans, eher durchwachsen an – auch, wenn es einige diskutable Punkte gab, so haben sie mich dennoch nicht enttäuscht. Ich würde sie aber nicht als Einstieg empfehlen.

How to read Murakami … als Zwischendurch-Leser*in

Wer dann vielleicht zwischendurch mal einen eher kleinen Schub Murakami braucht, kann getrost zu zwei seiner Liebesgeschichten greifen – zum einen Sputnik Sweetheart, zum anderen Gefährliche Geliebte – auch hier gab es eine Neuübersetzung mit dem Titel Südlich der Grenze, westlich der Sonne – ja, das berühmte Buch, welches im Literarischen Quartett so heiß diskutiert wurde.  Auch “Afterdark” ist ein eher schmaler Band und spielt innerhalb nur einer einzigen Nacht.

How to read Murakami … als Non-Fiction-Leser*in

Als Von Beruf Schriftsteller erschien, nahm ich das Buch zum Anlass, über meine Beziehung zu Haruki Murakami zu bloggen – ihr findet den Beitrag in Gänze hier. Ein kleines Zitat an dieser Stelle: An mehr als nur einer Stelle des Buches habe ich das Gefühl, dass diese Sätze nur für mich und für mich ganz allein dort stehen. Er schafft es, über all diese Kilometer hinweg eine Verbindung zu mir, seiner Leserin herzustellen, einen Moment, in dem ich die Worte und Sätze wieder und wieder lese um sie mir am Ende laut vorzulesen und das Gefühl zu haben als wäre es ein einziger, langer Brief an mich persönlich. Für mich war seine Auseinandersetzung mit seinem Schaffen unglaublich spannend zu lesen, ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es für Nicht-Fans hier und da etwas seltsam anmuten kann.

Ausgesprochen spannend war für mich, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede dieses Jahr nach 12 Jahren erneut zu lesen (hier!) – diesmal als Läuferin. Beide Male hat mich das Buch sehr beeindruckt – wenn auch auf unterschiedliche Weise.

How to read Murakami … für Fortgeschrittene

Eine sehr spannende Kategorie, denn eigentlich ist auch Wilde Schafsjagd ein unglaublich guter Einstieg in das Werk von Murakami (unvergessen, wie ich zu spät in den Laden kam, weil ich mich nach den letzten Seiten weinend erstmal an die Bushaltestelle setzen musste). Allerdings gehört es eigentlich zu einer Trilogie – die Fortsetzung Tanz mit dem Schafsmann konnte man auch gut direkt im Anschluss lesen. Anders verhielt es sich viele Jahre mit dem Auftakt der “Trilogie der Ratte” – denn “Wenn der Wind singt / Pinball 1973” sind zwar die ersten Romane von Haruki Murakami, wurden aber (auch weil der Autor sich lange Zeit von diesem Frühwerk distanzierte) lange Zeit nicht ins Deutsche übersetzt und bildeten so eine schmerzhafte Lücke. Erst 2015 wurde diese endlich gefüllt und so vervollständigt.

Leser*innen, die das Werk des Autors gerne “der Reihe nach” lesen, könnten dies nun auch tun – ich würde allerdings davon abraten. Nach ein paar anderen seiner Romane kann man diese beiden frühen Werke viel mehr schätzen, ist in ihnen doch all das angelegt, was wir heute so an Murakami lieben – aber man spürt auch deutlich, dass noch viel Raum zum Wachsen da war.

How to read Murakami … für Neugierige und Skeptiker*innen

Uns ist allen bewusst, wie wichtig die Arbeit von Übersetzer*innen ist und wir haben in Deutschland das großer Glück, Ursula Gräfes Übersetzungen aus dem Japanischen zu haben. Aber Haruki Murakami ist auch im englischen Sprachraum ein ausgesprochen beliebter Autor und der Ton seiner englischen Übersetzungen ist auch ein ganz eigener. Interessanterweise haben mir im Lauf der Jahre einige Murakami-Skeptiker, die bisher nichts mit ihm anfangen konnten erzählt, dass sich das änderte, als sie ihn auf englisch lasen – enorm spannend, wie ich finde. Wenn es bisher also noch nicht gefunkt hat – wäre doch einen Versuch wert, oder? Hier eignen sich sicherlich Norwegian Wood (übersetzt von Jay Rubin), Kafka on the Shore oder auch Blind willow, sleeping woman (beide übersetzt von Jay Rubin und Philip Gabriel)

How to read Murakami … für Wenigleser*innen

Keine Sorge, auch an die eher wenig Lesenden habe ich gedacht, ob ihr nun ein Geschenk braucht oder selbst gerade wenig Zeit zum Lesen findet – die wunderschönen, von Kat Menschik illustrierten Ausgaben habe ich ja bereits erwähnt. Abgesehen von Die Bäckerreiüberfälle und Schlaf (hier nicht im Bild) liegt ihr bei diesen Bänden auch mit Birthday Girl und Die unheimliche Bibliothek genau richtig. Außerdem fasziniert mich auch Toni Takitani – eine dramatisch-absurde Geschichte – Murakamiesk eben.

How to read Murakami … für Profis

Hardcore-Fans greifen schlicht zum japanischen Original – ich kann es leider nicht lesen, habe mir aber, Fangirl das ich bin, diese Romane im Original mitbringen lassen. Wer erkennt, um welche Bücher es sich handelt?

How to read Murakami … und jetzt?

Wer sich durch all seine Romane gelesen hat, möchte vielleicht noch mehr über Murakami erfahren. 2004 erschien Murakami und die Melodie des Lebens von seinem amerikanischen Übersetzter Jay Rubin. Eigentlich ein Muss für jeden Fan, mich würde es arg interessieren, wie dieses Buch heute, 16 Jahre später wohl geschrieben werden würde – denn seitdem ist ja noch so einiges passiert…

Wer genau aufgepasst hat, dem ist auch aufgefallen, dass zwei der Werke von Haruki Murakami in meinen Bildern fehlen. Es handelt sich um den Zeitzeugenbericht Untergrundkrieg der sich in Interviews mit zwei Katastrophen die 1995 in Japan passierten (Erdbeben und Giftgasanschlag in der Tokioer U-Bahn) auseinandersetzt. Außerdem den Erzählband Nach dem Beben, der sich ebenfalls diesen beiden Ereignissen in sechs Kurzgeschichten annimmt. Denn irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem Murakami nichts mehr schreiben wird – diese beiden Bände sind meine Notration, die ich mir (für diese düsteren Zeiten) aufhebe. Call me nerd girl.

How to read Murakami … Bonustrack

Was wäre ein solcher Beitrag ohne einen Bonustrack – ganz im Sinne von Haruki Murakami, dessen Werke ja auch stets von Musik beinflusst und inspiriert sind. Es fällt schwer, meine fünf liebsten Bücher herauszusuchen, aber für hier und diesen Moment sind es wohl Kafka am Strand, Naokos Lächeln, Wie ich eines schönen Morgens im April das 100% Mädchen sah, Wilde Schafsjagd und Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. Sie haben einen besonderen Platz in meinem Herzen. 2016 schrieb ich: Ich habe bei den letzten Seiten der wilden Schafsjagd geweint, ich habe unzählige Male die “Sandsturm“-Stelle bei Kafka am Strand gelesen und zitiert, ich habe mich in Naoko verliebt und die Sinfonietta von Janacek aus 1Q84 gehört. Ich habe einen Blick auf das 100% Mädchen geworfen, bin neben Murakami-Sama die Marathonstrecken gelaufen, habe Spaghetti gekocht und in gedanklichen Brunnen gesessen. 

Während ich diesen Beitrag, den ich seit Monaten im Kopf hatte, geschrieben habe, war ich umringt von meiner Murakami-Sammlung. Hatte in den Wochen davor mal wieder in das ein oder andere hineingelesen, um die Stimmungen erneut zu spüren. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Beitrag für euch da draußen Orientierung sein kann, für die Hardcore-Fans ein schönes Wiedersehen mit alten Freunden und in den Kommentaren wild diskutiert wird.

Die schönste Tradition:

Und nach getaner Arbeit pflege ich nun meine Murakami-Tradition, wie ich es bisher immer getan habe: ich reiche Urlaub ein, nur um ungestört lesen zu können. Ich freue mich auf jede einzelne Seite von Die Chroniken des Aufziehvogels. Ich werde die Welt ausschließen und mich durch nichts unterbrechen lassen – nur, falls Haruki Murakami endlich den Literaturnobelpreis gewinnt.

Also, dafür würde ich dann doch eine Ausnahme machen

3 thoughts on “How to read Murakami – Zehn Wegweiser”

  1. Mit allem was Du schreibst liegst Du 100% richtig. Ähnlich wie Du habe auch ich alle Werke gelesen. Trotzdem hast Du eine wichtige Quelle von Haruki Murakami nicht erwähnt. Empfehlen will ich Dir deshalb seine Hörbücher, vor allem die David Nathan liest. Viele haben Probleme mit Hörbüchern, die völlig unbegründet sind. Mein Tip: Lese die Bücher und wenn Du magst, höre Dir später das Hörbuch an. Ich bin immer wieder überrascht, welche zusätzlichen Dimensionen und Welten das Hörbuch bereit hält.

    P.S. Leider ging der Literaturnobelpreis heute wieder nicht an unseren gemeinsamen Freund. Ich hoffe auf 2021 oder auf irgendwanneinmal

  2. Danke. Hier sammeln sich seit Jahren die Bücher von Murakami. Angefangen hatte ich mit dem 100% Mädchen. Seitdem hadere ich, wie ich weitermache. Danke für die Erinnerung.

    Lächeln, Fabian

  3. Hallo,

    ich finde diesen Beitrag immens hilfreich! Bisher habe ich von Murakami nur “Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki” gelesen, aber schon lange vor, mich endlich mal seinem restlichen literarischen Werk zuzuwenden… “Naokos Lächeln” steht schon im Regal, “Kafka on the Shore” und “1Q84” habe ich auf dem Reader, aber ich könnte mir vorstellen, so nach und nach alle zu lesen.

    LG,
    Mikka

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