Aus der schönen, neuen Welt – Günther Wallraff

Wallraff ist ja nun kein Unbekannter mehr, seine Recherchemethoden bekannt. Dieses Buch war mal wieder eine Lehre, wie naiv ich doch gerne noch ans Gute im Menschen glaube

Alle Reportagen und Erfahrungen sind spannend verarbeitet, aufrüttelnd und bei vielen beschriebenen Szenen kann man sich seiner Mitmenschen wirklich nur schämen. Wallraff ist als Obdachloser, Brötchenbäcker, “Ausländer” und in Callcentern unterwegs – was er dort erlebt, das geht weit über das hinaus, was ich angenommen hätte…Wenn dieses Buch ein wenig zum Umdenken anregt, nur weiter so!

Das Schweigen – Jan Costin Wagner

Nach Eismond musste ich doch sofort nachlegen. Ich bin nicht sicher, ob ich “Das Schweigen” rein als Krimi werten würde, es ist fast mehr ein Roman. Ein bisschen verwundert war ich, das der Schwerpunkt diesemal mehr auf dem Ermittler Ketola lag, als auf Kimmo, aber das ist nur ein kleines Detail. Insgesamt wieder ein Fall, in dem es viel grau statt schwarz und weiss gibt. Sprachlich sehr ruhig und toll geschrieben, das fällt grade aufgrund des sehr heiklen Themas (Mißbrauch und Mord von Kindern..) ins Auge. Ich würde diesen Autor wirklich jedem Krimifan ans Herz legen und jedem literarische Interessierten mit Blick fürs Besondere erst recht! Der Krimi sticht aus einem großen Angebot von Krimis wirklich raus!

Eismond – Jan Costin Wagner

Kann ein Deutscher wirklich gut einen Krimi schreiben, der in Finnland spielt? Ja, er kann! Eine sehr zurückhaltende, ruhige Sprache, dazu eine gewisse Grundtraurigkeit und interessante Charaktere rund um den Ermittler Kimmo Joentaa. Hat mir gut gefallen, erinnert ein wenig an Karin Fossum, deren schwedische Krimis ich auch sehr schätze. Ist ja der erste Krimi mit Kimmo, ich denke das dort der Grundstein gelegt wird, für weitere Entwicklungen. Gut gelungenes Debüt! Für alle Krimi Leser, die leise Zwischentöne schätzen und die Schönheit Finnlands.

Spinner – Benedict Wells

Dieses Buch ist wie ein Film in den man zufällig reinzappt, ihn für interessant empfindet und dann hängenbleibt. Ich habe das Sofa nicht verlassen, war in Berlin, erlebte den Fall und die Ziellosigkeit des Protagonisten, der seinem großen Ziel, der Vollendung seines Epos eher davonrennt, als ihm näher zu kommen. Mit viel Tempo erzählt, mit Witz und Gespür für schöne, einfallsreiche Szenen. Kein Buch das einen tief in der Seele rührt, aber verdammt unterhaltsam und an einigen Stellen erkennt man sich selbst ja doch wieder

Zwei alte Frauen – Velma Wallis

Wieder ein Buch, das ich zusammen mit dem BriCom-Lesekreis gelesen habe. Mit einem Klick auf den Link könnt ihr die ganze Diskussion verfolgen.

Mir hat das Buch auch sehr gefallen. Mein Chef hatte mir das zu Anfangszeiten meiner Buchhändlerlehre ans Herz gelegt und meinte, das wäre wirklich eine Art “Klassiker“. Und wo er recht hat..;-)

Ich hatte es an einem Abend/Nacht durch. Das Buch ist so angenehm geschrieben, das man sich nicht langweilt, das man in der Geschichte steckt. Obwohl nicht viele Worte um die Gefühle gemacht werden (also schon beschrieben, aber sehr klar und ohne Ausschweifungen) finde ich das man sich sehr klar reinfühlen kann, weil auch Raum bleibt, für die eigene Fantasie. Ich fühlte mich teilweise so, als würde ich danebensitzen.

Enorm stark fand ich, das die beiden Frauen auch wahrnehmen, das ihre Haltung zu der Zeit als sie zurückgelassen wurden, falsch war. Grade in etwas höherem Alter erfordert es Mut und Kraft, soetwas zuzugeben und auch wirklich etwas zu ändern. Aber das tun die beiden – fand ich klasse!

Was ich deshalb auch aus diesem Buch mitnehme ist: Bevor ich mich ergebe und vielleicht einer Meinung von anderen über mich ergebe, will ich eben doch “handelnd sterben“. Das hat sich tief eingeprägt.

Eine der Teilnehmerinnen unseres Lesekreises schrieb, das sie dieses Buch noch oft verschenken würde. Ich kann mich nur anschliessen – ein wunderbares, kleines Geschenkbuch. Die schöne Hardcoverausgabe von Piper sieht auch toll aus!

Jeremy James oder Im Sand, am Strand und anderswo – David Henry Wilson

Jeremy James ist eine herrliche Kinderbuchserie aus GB. Ein kleiner, etwas naseweiser Junge, seine leicht verplanten Eltern und einfach nur Abenteuer des Alltags. Ich liebe diese Reihe! In diesem Buch macht die ganze Familie einen Kurztrip ans Meer…da kann schon so einiges passieren…vorallem wenn man jeremy James heisst! Wirklich liebenswert und toll gemacht!

Die Mittwochsbriefe – Jason F. Wright

Jack & Laurel waren seit vielen Jahren verheiratet, leiten gemeinsam ein B&B. Alle dachten, das Jack, der an einem Tumor litt, vor Laurel stirbt, doch in einer Nacht sterben beide, Arm in Arm. Als ihre 3 Kinder anfangen, die Papiere zu sortieren, finden sie die „Mittwochsbriefe“ – Jack hat Laurel jeden Mittwoch einen Brief geschrieben. So wechselt sich erzählender Text mit Briefen ab und die sind wirklich richtig schön romantisch und zeugen von viel Arbeit und Liebe in dieser Ehe. Doch sie enthalten auch ein lang gehütetes Familiengeheimnis.
Eine einfache Sprache und liebenswerte Charaktere machen dieses Buch schnell lesbar, man ist gerührt und verfolgt die Geschichte mit Spannung. Ein bisschen sehr idealistisch, natürlich auch etwas kitschig ist es, aber an einem Regentag, allein auf dem Sofa stört das nicht wirklich…und eine kleine Überraschung birgt das Buch auch noch – fand ich eine tolle Idee!

Der singende Baum – Tim Winton

Die Geschichte zweier Außenseiter in einem Küstenort in Australien. Sie ist die Freundin des erfolgreichsten Fischers vor Ort, der seine Frau verlor. Nicht viel verbindet die beiden, ihre Rolle als Stiefmutter für die beiden Söhne macht ihr auch eher zu schaffen. Lu Fox hat seine ganze Familie bei einem Unfall verloren, lebt seither als Aussteiger und heimlicher Fischer auf einer kleinen Farm. Als Georgie ihn beim heimlichen Fischen ertappt, entwickelt sich zwischen beiden eine Liebesgeschichte – für den kleinen Ort an sich ein Skandal…Joah. Es passiert nichts neues in diesem Roman, gerettet wird er durch einige sehr schöne Passagen und immer wieder wunderbare Beschreibungen von Australien, der Landschaft, dem Leben dort. Ein bisschen zäh, aber diese Beschreibungen machten vieles wieder wett.

Generation Doof – Anne Weiss und Stefan Bonner

Es ist ein wenig schwierig. Das ganze Buch ist recht “unterhaltsam” geschrieben, damit man es nicht vor lauter “Fachjargon” in die Ecke schmeisst. Ein klares populärwissenschaftliches Buch. Okay, das kann man ihm ankreiden. Aber in den Grundzügen und auch in sehr, sehr vielen Ausführungen der Autoren kann ich nur nicken und sagen: “Ja, so ist es”. So erlebe ich das tagtäglich auch, und ich sehe ähnliche Schwierigkeiten dieser unentschlossenen Generation, die nicht erwachsen werden will und keine Verantwortung tragen möchte und die es eindeutig gibt. Ob dieses Buch aufrüttelt, weiss ich nicht, an sich würde es schon reichen, wenn jeder viell. 10% der gemachten Vorschläge mal beherzigen würde. Aber dafür müsste man das Buch ja lesen. Und die Generation Doof versumpft ja vorm Fernseher…tja..

Unterhaltsam ist es, ein großer Wahrheitsgehalt drin und manchmal möchte man den Kopf schütteln und hoffen, das man nicht auch dazugehört…An sich erzählen die beiden da nichts neues, aber anscheinend ist das nötig, denn sonst gäbe es diese Generation nicht “so”. Was mich ein wenig ärgert – die beiden kreiden “Nachrichtenhäppchen” und auf “einfach getrimmte” Sendeformate an – ihr Buch strotzt aber auch vor Witzchen, kurzen Anrissen ohne ein Thema wirklich zu packen. Das liest sich zwar leichter, aber ob sie damit wirklich etwas erreichen – fraglich…